Die Hotelfachschulen in Passugg und Lausanne ergänzen sich perfekt

«Wir in Passugg sind Hightouch»

Seit diesem Sommer ist die Swiss School of Tourism and Hospitality nicht nur organisatorisch Teil der EHL Group, sondern trägt das Label EHL auch neu im Namen. Michael Hartmann, der die SSTH seit drei Jahren leitet, wertet dies als positiven Schritt und blickt zuversichtlich in die Zukunft.

Von René Mehrmann Di, 08.10.2019

Die Swiss School of Tourism and Hospitality steht seit Mitte Juli dieses Jahres unter dem Brand EHL, zu deren Portfolio sie bereits seit 2013 gehört. Gegründet wurde die Schule 1966 und hatte seit ihrem Bestehen nicht immer einfache Zeiten. Wie geht es der Schule heute?

Michael Hartmann: Die Schule ist im positiven Bereich, speziell seit diesem Jahr. Wir haben den Turnaround sogar früher als geplant geschafft und haben uns freigeschwommen. Als ich 2016 die Leitung der Schule übernommen habe, war die wirtschaftliche Situation nicht rosig. Das war mit ein Grund, dass die Schule ins Portfolio der EHL integriert wurde. Zu Beginn mussten wir viel nachjustieren und an den Mutterkonzern andocken. Jetzt sind wir auf dem richtigen Weg, was sich nun auch im Rebranding als EHL manifestiert.

Wie profitiert die Schule in Passugg von der vollständigen Integration in die EHL Group?

Die Schulen in Passugg und Lausanne ergänzen sich perfekt. Vom Portfolio her bieten wir in Passugg die Grundausbildung, die höhere Fachschule und den EHL-Bachelor an. Sie können als Lehrling bei uns starten und bis zum akademischen Abschluss studieren. Beim Bachelor arbeiten wir eng mit der Schule in Lausanne zusammen, weil wir hier in Passugg eine höhere Fachschule und keine Fachhochschule sind. So ist das letzte Semester des Bachelor-Lehrgangs immer an der EHL in Lausanne, weil wir als höhere Fachschule keine Forschung betreiben. Ich würde es so umschreiben: Die EHL ist zu 70 Prozent akademisch und zu 30 Prozent eine Fachkräfteausbildung, bei uns in Passugg ist es genau umgekehrt. Der Bachelorabschluss ist aber der gleiche. Wir bilden also das duale System, für das die Schweiz berühmt ist, in unseren Lehrgängen ganzheitlich ab.

Ihre Studenten kommen aus über 20 Ländern. Ist das eine grosse Herausforderung für die Schule?

Das ist es auf jeden Fall, weil wir dadurch eine grosse Diversität der Studierenden haben und mit diesen unterschiedlichen Kulturen umgehen müssen. Diese multikulturellen Herkünfte müssen wir auch organisatorisch abbilden. Bei uns arbeiten deshalb Betreuer, die beispielsweise Mandarin sprechen, um unsere chinesischen Studentinnen und Studenten zu betreuen. Man kann nicht darauf hoffen, dass die Studenten einfach da sind und sich finden werden, sie müssen begleitet werden. Man muss ihnen auch klar machen, dass ein solcher Multikulti-Campus einen riesigen Vorteil bietet und eine Chance für jeden ist. 

Sich auf verschiedene Kulturen einlassen zu können gehört zur Kernkompetenz der Hotellerie. An Ihrer Schule lernen die Studenten das also auf natürliche Weise.

Das kriegen sie so an keiner anderen Schule geboten, dass sie auf engstem Raum mit so vielen Kulturen arbeiten können. In der Hotelbranche ist es ein Muss, dass sie mit verschiedenen Kulturen umgehen können und diese auch respektieren. Das können sie bei uns lernen.

Die EHL Swiss School of Tourism and Hospitality SSTH aus der Vogelperspektive. (Bild Archiv SO)

 

Es gibt in der Schweiz inzwischen unzählige Hotelfachschulen und der Konkurrenzkampf um die besten Talente ist gross. Wie positionieren Sie sich in diesem umkämpften Markt?

Ich sage mal: «Adel verpflichtet». Die EHL hat in der Hotelfachausbildung die höchsten Qualitätsstandards gesetzt. Aber der Konkurrenzkampf ist gross, besonders, weil auch andere Hotelfachschulen nun anfangen, mit Fachhochschulen in der Schweiz aber auch im Ausland zusammenzuarbeiten, um einen Bachelor-Lehrgang anbieten zu können. Der EHL-Bachelor in Hospitality Management nach Bologna-System ist bisher der einzige, den es auf diesem Niveau in der Schweiz gibt. Doch der Wettbewerb spielt, das ist so. Kommt dazu, dass die Zahl der interessierten Studentinnen und Studenten in der Schweiz nicht mehr steigt, unter anderem deshalb, weil wir in geburtenschwache Jahrgänge kommen. Das heisst, wenn wir wachsen wollen, müssen wir die Studenten aus dem Ausland holen.

Wie erreichen Sie die ausländischen Studenten?

In der Schulleitung führen wir oft Diskussionen um die Positionierung und den USP der Schule, um im Konkurrenzkampf bestehen zu können. Dass wir hier alles so durchlässig haben bis zum Bachelor an einem Campus ist sicherlich ein Vorteil. Auf der anderen Seite müssen wir auf der inhaltlichen Seite ebenfalls viel tun und aufnehmen, was draussen in der Industrie als positiv vermerkt wird. Für unsere Studenten geht es unter dem Strich um die Employability, also ob sie nach ihrer Ausbildung eine geeignete Stelle finden, und ob sie sich für eine Kaderposition eignen. Wir legen deshalb unser Augenmerk auch ganz stark auf die Entwicklung der Soft Skills unserer Studentinnen und Studenten.

Was heisst das konkret?

Wir arbeiten dazu mit der Universität in Genf zusammen, die als einzige Hochschule ein Affective Science Institut betreibt. Das machen wir, weil wir für dieses Thema ein akademisches Backup brauchen. Mit der Kooperation haben wir uns dieses «eingekauft». Gemeinsam mit der Uni Genf entwickeln wir dazu ein Affective Curriculum für Hospitality. Das ist sicher ein wichtiger USP in der Zukunft für die Schule. Im Weiteren wollen wir unseren Studenten neben den bisherigen Wahlfächern wie Culinary Arts sowie Spa und Wellness weitere Fächer anbieten in Richtung wie Sports Management und Facility Management. Dazu sind wir mit dem Grand Resort Bad Ragaz eine Allianz eingegangen.

Warum haben Sie sich dazu für eine Zusammenarbeit mit dem Grand Resort Bad Ragaz entschieden?

Das Grand Resort repräsentiert vom Angebot und den Facilities her einen Campus, der zukunftsweisend und einzigartig ist. Der Anspruch, den ein Resort wie Bad Ragaz an die Hotelfachkräfte stellt, zeigt uns, wie man sich als Bildungsinstitution aufstellen muss. Deshalb ist die Allianz mit dem Grand Resort so wichtig und so eng.

Sie erwähnten die Soft Skills auf die Sie Ihr Augenmerk bei der Ausbildung verstärkt legen. Sind die heute wichtiger als früher? Gastgeberinnen und Gastgeber brauchten doch schon immer Soft Skills.

Nur weil jemand ein Dach über dem Kopf braucht und Hunger hat, kommt keiner ins Hotel. Wir nennen das ein transaktionelles Business. Das wird über eine bestimmte Kategorie von Hotels und Gastronomiebetrieben abgedeckt. Das steht an unserer Schule aber nicht im Fokus. Wir legen den auf die Tophotellerie, egal ob es sich um Individualbetriebe oder eine Hotelkette handelt. Und dort sind wir heute in der Emotions-Ökonomie angekommen. Das heisst, die Menschen wollen ein Erlebnis haben, sie möchten multisensorisch angesprochen werden und es soll authentisch sein. Hoteliers sagen dann oft: «Wir brauchen da passionierte Leute, die Empathie haben und dann klappt das schon.» Wenn man dann aber nachfragt und in die Tiefe geht, merkt man, dass das zu kurz greift. Wir möchten Leute ausbilden, die in der Lage sind zu inszenieren, die Regie führen können.

Das tönt jetzt sehr abstrakt. Wie ist das konkret gemeint?

Wir haben an der Schule unser digitales Restaurant Elysium entwickelt. Dort übernehmen die jungen Leute die Regie und müssen sich überlegen: Wie ist die Storyline? Wie drücke ich die Sensoren? Was sind denn eigentlich Sensoren und wie wird das reflektiert? Was funktioniert, was nicht? Hier versuchen wir, die Inputs des Affective Science Instituts umzusetzen und unseren Studenten – auch jenen, die vielleicht von Natur aus nicht ganz so extrovertiert sind – zu zeigen, wo die Nulllinie ist. Sie müssen wissen, wie ein Sender-Empfänger-Prinzip funktioniert, warum und in welchem Kontext. Das sind die Fragen, auf die wir Antworten geben müssen. Es kann nicht jeder der grosse, umarmende Hotelier sein, aber diese Mechanik zu verstehen gibt unseren Studenten einen ganz anderen Ansatzpunkt. Dieser reflektiert, was gesellschaftlich mehr und mehr verlangt wird. Egal wo Sie auf der Welt unterwegs sind und bei welcher Kette, die Produkte sind sich alle sehr ähnlich, also wird die Inszenierung immer wichtiger.

 

Heisst das, dass sich die Ausbildung in der Hotellerie im Moment fundamental ändert?

Das ist so und wir betonen heute die Kommunikation immer mehr. Der Fachkräftemangel ist eine Tatsache und wir haben jetzt neu den Beruf des Hotel-Kommunikationsfachmanns respektive der Hotel-Kommunikationsfachfrau eingeführt. Der passt so zwischen unseren Hotelfachmann und den Hotelkaufmann, der bisher immer so der Edellehrling war. Allein die Vokabel Kommunikation löst schon einen anderen Impuls aus. Bisher musste ich mich als junger Mensch entscheiden zwischen Küche und Service, was nicht einfach ist. Mit dieser neuen «Storyline» können wir die Attraktivität der Branche neu erwecken.

Wir haben jetzt viel über Lehr- und Lerninhalte gesprochen. Wenn wir fünf Jahre in die Zukunft schauen, wo sehen Sie die Schule, welches sind Ihre Ziele?

Wir haben in den letzten Jahren die Kapazität der Studenten verdoppelt und wollen bis 2028 noch einmal doppelt so viele Studenten bei uns haben. Die Kapazität ist bei 700 Studierenden, damit wären wir auch wirtschaftlich gut aufgestellt. Deshalb planen wir auch einen Ausbau des Campus. Ich möchte aber nicht nur neue Kapazitäten schaffen, ich möchte auch diesen Kraftort hier in Passugg noch mehr betonen. Wir planen, die Quellen in der Umgebung zu öffnen und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen und die Verbindung mit der Natur zu betonen. Ich möchte es so zusammenfassen: Die EHL in Lausanne soll Hightech sein, wir in Passugg sind Hightouch.