Dank Rohstoffvorrat kein Produktionsstillstand

Stabile Auftragslage bei Wittenstein in Grüsch

Wie schafft es ein international tätiges Unternehmen wie die Wittenstein AG Schweiz in Grüsch, ihre Lieferketten in Zeiten von Covid-19 aufrechtzuerhalten? Es ist kein einfaches Unterfangen und hat Auswirkungen sowohl gegen innen als auch gegen aussen.

Von René Mehrmann Mo, 24.08.2020

«Wir sind eine Zulieferfirma in einem internationalen Umfeld, weshalb wir immer in globalen Zusammenhängen und Netzwerken denken», sagt Oliver Kössel, Geschäftsführer der Wittenstein AG Schweiz in Grüsch. Als in Graubünden der Notstand ausgerufen worden sei, sei es in erster Linie darum gegangen, die interne Organisation anzupassen, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens zu schützen und die Kunden weiterhin beliefern zu können. «Wir haben dazu die ganze Belegschaft unserer Firma in zwei Gruppen geteilt und in zwei Schichten gearbeitet», sagt Kössel. «In der Produktion hatten wir das ohnehin schon, wir weiteten die Schichtarbeit nun auch auf die Administration aus.»

Wittenstein ging sogar so weit, dass zwischen den beiden Schichten eine halbe Stunde Pause eingeführt wurde, in der das Gebäude komplett leer stand. «Diese zwei Schichten sind sich nie begegnet», so Kössel, «weil wir sicherstellen wollten, dass wenigstens eine Schicht arbeiten kann, sollten wir Infektionen verzeichnen.» Darüber hinaus habe die Administration teilweise im Home Office gearbeitet. Mit diesen Massnahmen wollte das Unternehmen sicherstellen, dass es lieferfähig bleibt.

Oliver Kössel, Geschäftsführer der Wittenstein Schweiz AG in Grüsch. (Bild zVg)

 

Kein Rohmaterial aus Italien

Wenig Einbussen hatte die Wittenstein AG Schweiz, die Zahnstangen für eine weltweite Kundschaft produziert, in Bezug auf den Umsatz zu verzeichnen. Anfang Jahr seien zwar die Aufträge aus China etwas eingebrochen, erzählt Kössel. Das sei aber nur eine kleine Delle gewesen. Schwerwiegender war, dass das Unternehmen ab Ende März und im April Schwierigkeiten hatte, seine Rohmaterial-Lieferkette aufrecht zu erhalten. «Wir beziehen unser Rohmaterial aus Italien und unsere dortigen Lieferanten mussten ihre Produktion einstellen», sagt Kössel.

Von den coronabedingten Rückgängen war der Standort Grüsch nicht ganz so stark betroffen. Die Aufträge für die in der Schweiz hergestellten Zahnstangen seien stabil geblieben, da das Unternehmen schon vor der Corona-Pandemie zusätzlich neue Kunden gewinnen konnte. Die Bestellungen der Neukunden hätten den Auftragsrückgang bei anderen Kunden aufgefangen, führt Kössel aus.

Ein Vorrat als entscheidender Vorteil

Nachdem sich in den vergangenen Jahrzehnten eine eng getaktete, sich auf wenig Lagervorräte stützende schlanke Lieferkette in fast allen Wirtschaftsbereichen durchgesetzt hat, ist die Coronapandemie ein Paradebeispiel dafür, wie fragil solche weltumspannenden Lieferketten sein können. Es zeigte sich, dass zumindest ein kleiner Vorrat an Rohstoffen in der Not ein entscheidender Vorteil sein kann, wie Kössel bestätigt. «Wir haben in unserer Lieferkette an gewissen Stellen immer einen Mindestbestand an Material definiert. Das haben wir schon immer gemacht und das hat uns jetzt auch in der schwierigen Phase gerettet, sodass wir keine Produktionsstillstände aufgrund von fehlendem Material hatten. Es hat sich in der Krise gezeigt, dass das eine gute Vorgehensweise war. Trotz aller Widrigkeiten konnten alle Kunden ohne Einschränkungen beliefert werden.»

Kommunikation wird digital

Einen Schub durch die Covid-19-Pandemie stellt Kössel in der Digitalisierung fest. Nicht im Produktionsbereich, weil sich Wittenstein schon vor Jahren auf den Weg gemacht habe, um ein digitales Unternehmen zu werden. Man stelle aber fest, dass die Kommunikation digitaler geworden sei.

«Besprechungen, Dienstreisen und Meetings gehen heute viel leichter digitaler von der Hand als vor der Pandemie», sagt Kössel. Heute würden sich die Mitarbeitenden oft zu Skype-Meetings treffen und nicht zu Präsenz-Besprechungen, «weil wir durch die Krise gelernt haben, wie man mit dem Medium umgehen und wie effizient das sein kann», so Kössel weiter.

Das heisse aber nicht, dass digitale Besprechungen die gleiche Qualität und Güte haben wie Präsenz-Meetings, weshalb Wittenstein auch weiterhin auf Präsenz-Besprechungen Wert lege. Aber nicht jedes Meeting müsse heute ein Präsenz-Meeting sein. Das habe in diesem Bereich zu einer deutlichen Effizienzsteigerung gegenüber Vor-Coronazeiten geführt.

Wittenstein...

...ist ein international tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Igersheim (Deutschland). Das Unternehmen entwickelt kundenspezifische Produkte, Systeme und Lösungen für hochdynamische Bewegung, präziseste Positionierung und intelligente Vernetzung in der mechatronischen Antriebstechnik. Wittenstein bietet alle wesentlichen Technologien für elektromechanische Antriebssysteme an.

Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 3000 Mitarbeiter und erzielte im Geschäftsjahr 2018/19 einen Umsatz von 436 Millionen Euro. In Grüsch beschäftigt Wittenstein rund 100 Mitarbeiter.