Eine private Initiative bringt schnelles Internet.

Mia Engiadina ist auf Draht

Den ersten «dritten Arbeitsplatz» im Mountain Hub am Stradun in Scuol gibt es bereits, der eigentliche Durchbruch für das Projekt Mia Engiadina steht aber unmittelbar bevor. Die Rohre für das Glasfaserkabel durch das Unterengadin werden verlegt und die Abos für das damit schnelle Internet werden im Sommer buchbar sein.

Von Norbert Waser Do, 20.09.2018

Es ist wohl die aktuell längste Baustelle des Kantons. 50 Kilometer lang ist der Graben im Engadin, in den die nationale Netzgesellschaft Swissgrid die bestehenden 110-, 60- und 16-Kilovolt-Leitungen verlegt. Damit verschwinden nicht nur über 1000 Strommasten, sondern die Stromversorgung wird auch sicherer.

Als Ersatzmassnahme für den Ausbau der für den internationalen Strommarkt wichtigen 380-kV-Hochspannungsleitung zwischen Scuol und La Punt Chamues-ch haben die Konzessionsgemeinden der Engadiner Kraftwerke AG in einem Rekursverfahren erreicht, dass die Leitungen in einen unterirdischen Rohrblock verlegt werden, inklusive Leerrohre für die Telekommunikation.

Eine wichtige Rolle spielt bei diesem wegweisenden Projekt Not Carl, ehemaliger Gemeindepräsident von Scuol, alt Standespräsident und Verwaltungsratspräsident des lokalen Energieversorgers Energia Engiadina. Er ist nicht nur persönlich gut vernetzt, er hat auch beim Projekt Mia Engiadina buchstäblich die Drähte gezogen und verspleisst.

«Am Anfang stand ein Telefon von Not», erinnert sich Jon Erni, Leiter Public Sector von Microsoft Schweiz und Heimweh-Engadiner. «Er machte mich auf die Chance aufmerksam, im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau der Hochspannungsleitung ein Glasfaserkabel durch das Engadin zu ziehen.»

Heute zeigt sich, dass dies gleichbedeutend mit dem Startschuss zur Digitalisierung der Region war. Die beiden Unterengadiner, beides passionierte Jäger, hatten damit die Fährte aufgenommen, von der sie sich nicht mehr abbringen liessen.

Mia Engiadina als Plattform

Das Glasfaserkabel durch das Engadin hat das Potenzial, zur neuen Lebensader für das Unterengadin zu werden. «Mia Engiadina ist die Plattform», sagt Jon Erni, «es gilt nun, die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen zu nutzen.»

Seit der Eröffnung des sogenannten Mountain Hub am Stradun in Scuol und damit der physischen Präsenz von Mia Engiadina werden diese Möglichkeiten auch sichtbar und immer häufiger genutzt. Zum einen, um sich über das Projekt zu informieren, aber auch um die dort bereits vorhandenen Möglichkeiten des schnellen Internetzugangs zu nutzen und im Hub zu arbeiten.

Welches Potenzial die Erschliessung mit Glasfaser eröffnet, zeigt sich auch im Hochalpinen Institut Ftan (HIF), einem weiteren «Hotspot», der bereits in Betrieb ist und im Bildungsbereich völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Auf guten Wegen ist auch der Aufbau eines Innovations-Campus in La Punt Chamues-ch. Ein Projekt, das auch von der Innovationsstiftung Graubünden unterstützt und von privaten Geldgebern mitgetragen wird.

Wichtige Meilensteine waren auch die Entscheide der Gemeinden Zuoz und S-chanf, die sich ausserhalb des Versorgungsgebietes von Energia Engiadina befinden, sich auf eigene Kosten ans Glasfasernetz anzubinden. «Die ersten Kunden werden bereits im Sommer aufgeschaltet werden können», verspricht Erni. Dank eines Vertrags mit der Rhätischen Bahn ist auch der Anschluss ans nationale Netz gewährleistet.

Die RhB und Mia Engiadina Network SA (Mensa) räumen sich gegenseitig ein Mitbenützungsrecht an ihren Lichtwellenleitern ein. Die RhB stellt der Mensa die  Glasfasern durch den Vereinatunnel bis nach Landquart zur Verfügung, während Mia Engiadina der RhB Glasfasern im Kabelgraben zwischen Sagliains und Scuol überlässt.

Mia Engiadina als Türöffner

Aus dieser Zusammenarbeit ist mit der Digitalisierung im Zug ein weiteres Teilprojekt entstanden. Das Interesse aus dem benachbarten Tirol, sich über das Glasfasernetz im Engadin den Zugang zu den Schweizer Wirtschaftszentren zu sichern, ist ein weiterer Hinweis für die Bedeutung der Plattform Mia Engiadina.

«Es ist schon interessant, welche Türen sich über Mia Engiadina schon geöffnet haben», sagt Not Carl und freut sich über die Kreise, die sein Coup des Kompensationsgeschäfts mit den Stromleitungen mittlerweile zieht. Eine enge Zusammenarbeit gibt es auch zwischen Mia Engiadina und dem Gesundheitszentrum Unterengadin. «Da treiben wir ein Projekt zur Förderung des Gesundheitstourismus voran», macht Erni ein weiteres Beispiel.

Aktiv wurde Carl auch nach der Schliessung der letzten Disco in Scuol. Die Partnerschaft mit dem lokalen Eishockeyclub Engiadina ist ein weiteres Beispiel, wie Mia Engiadina die Jugend in ihre Aktivitäten einbindet.

Bald auf eigenen Beinen

Mia Engiadina wurde auch vom Kanton im Rahmen der Neuen Regionalpolitik des Bundes (NRP) unterstützt. Von den insgesamt aquirierten Geldern im Umfang von rund 1,1 Mio. Franken hat der Kanton einen Beitrag von 365 000 Franken beigesteuert. Mit der Aufnahme der operativen Tätigkeit von Mia Engiadina läuft die Unterstützung über das vom Amt für Wirtschaft und Tourismus (AWT) initiierte Projekt «In Work», das neue Arbeitsmodelle in den Regionen fördert, aus.

«Ab Juli sollte das Aktionariat so aufgestellt sein, dass wir aus eigener Kraft weitergehen können», betont Erni und stellt nicht ohne Stolz fest: «Unser Projekt hat über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt, als Beispiel wie man unter Einbezug der Digitalisierung regionale Entwicklung vorantreiben kann.» Als beispielhaft bezeichnet Erni auch die Zusammenarbeit mit dem AWT, zu dem insbesondere seine an der Uni St. Gallen als Assistenzprofessorin tätige Schwester Antonia Albani-Erni den direkten Kontakt pflegt. Die Informatik-Ingenieurin mit Promotion der technischen Wissenschaften ist Projektleiterin von Mia Engiadina.

Die eigentliche Nagelprobe steht nun mit der Lancierung der Abonnements für Privatpersonen bevor. Den günstigsten Anschluss für Mitglieder von Mia Engiadina gibt es für 75 Franken pro Monat, für eine Leistung von je 200 Megabit pro Sekunde Down- und Upload. Für eine Leistung von je 400 Megabit pro Sekunde werden 150 Franken pro Monat fällig.

«Das sind Marktpreise, wie sie auch im Unterland bezahlt werden. Ein Blick auf den Breitbandatlas der Schweiz zeigt, dass es bis jetzt im Unterengadin gar keine Angebote in diesem Bereich gab», erklärt Erni die Preise und ist überzeugt, dass man damit absolut konkurrenzfähig ist.

Die Tatsache, dass nun auch potenzielle Konkurrenten auf dem Markt aktiv werden, ist für Erni ein Beweis, dass man Mia Engiadina ernst nimmt. Ein spezielles Zückerchen hat Mia Engiadina für künftige Abonnenten im Fernsehbereich im Köcher. Wenn alles nach Plan läuft, kommen sie in den Genuss der Übertragungen der Schweizer Eishockeyspiele.