Er kämpft an vorderster Front dafür, dass im Kanton Graubünden mehr Ingenieure ausgebildet werden. Andreas Wieland über den Strukturwandel in der Bündner Wirtschaft.

«Bei der Ingenieursausbildung könnte der Kanton mehr tun»

Die Digitalisierung macht auch vor Graubünden nicht halt. Grosse Herausforderungen warten auf die Unternehmen im Kanton. Um den Turnerbund zu schaffen, sind Massnahmen auf verschiedenen Ebenen gefragt. Neben mehr Innovation und Unternehmertum ist auch die Politik gefordert.

mit Andreas Wieland sprach René Mehrmann

Herr Wieland, der Strukturwandel ist eine Konstante in der Wirtschaft, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung noch intensiviert hat. Wenn Sie auf die vergangenen 15 bis 20 Jahre zurückblicken, wie hat sich Graubünden in diesen Jahren verändert?

Andreas Wieland: Es hat sich vieles verändert im Kanton, nicht nur zum Guten. Man sieht, dass vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen Mühe haben, um mit dem Wandel mithalten zu können, gerade wenn sie exportorientiert sind. Verglichen dazu haben die grossen Player auf dem Mark eine Infrastruktur, mit welcher sie locker mithalten und ihre Machtposition auch ausnützen können.

Andreas Wieland, CEO der Hamilton Bonaduz (Bild Yanik Bürkli) 

Wie zeigt sich dieser Strukturwandel bei der Hamilton?

Wir bei Hamilton haben zwei Positionen. Einerseits die Digitalisierung – Stichworte dazu sind etwa Robotik, Big Data, Sensorik, Artificial Intelligence und Apps – andererseits Genetik, wo wir in der Sequenzierung tätig sind. Beides sind Trends, die einen grossen Einfluss auf unsere Geschäftstätigkeit haben, aber nicht nur darauf, sondern auch auf die Gesellschaft.

Hat sich dieser Prozess der Digitalisierung und des damit einhergehenden Strukturwandels verstärkt in den letzten Jahren?

Der hat sich extrem verstärkt. Die Datenmenge ist massiv gewachsen, die Geschwindigkeit ist höher geworden, die Internationalität ist grösser geworden und alles ist viel transparenter geworden. Diese Veränderungen haben sich exponentiell entwickelt. Dem gegenüber steht seit Kurzem der Trend, dass die grossen Nationen die Arbeit wieder im eigenen Land haben wollen. Das heisst, dass wir nicht einfach nur exportieren können, sondern zum Beispiel in Russland oder China Werke aufbauen müssen, um diese Märkte zu bedienen. Also die Handelsbarrieren werden eher auf- als abgebaut.

Was bedeutet das für das Unternehmen Hamilton?

Weil wir ein amerikanisches Unternehmen sind, haben wir zumindest dort keine Probleme. Dann haben wir in Osteuropa eine Produktionsstätte für den europäischen Markt und ein starkes Standbein haben wir auch in China. Aber jedes Unternehmen muss sich strategisch ganz gut überlegen, wie es die Internationalisierung in diesem schwierigen Umfeld angeht.

Wenn wir diese Herausforderungen sehen, was kann der Kanton Graubünden für Rahmenbedingungen schaffen, um die Unternehmen zu unterstützen?

In Sachen Lohnniveau sind wir sehr teuer, bei den Steuern in etwa im Mittelfeld und bei den Bedingungen, einen Betrieb anzusiedeln, sind wir recht gut aufgestellt. Diese Voraussetzungen können wir aber nur bedingt beeinflussen. Was wir aber wirklich beeinflussen können, ist das Potenzial der Mitarbeiter. Hier bin ich der Meinung, dass der Kanton mehr tun könnte in Richtung Ingenieurausbildung. Ich kann nicht verstehen, dass man riesige Industrieparks aufbauen möchte, dann aber zu wenig dafür tut, um auch die Leute, die dort arbeiten sollen, auszubilden.

Die Hamilton baut im Moment in einem solchen Industriegebiet auf dem ehemaligen Sägereiareal in Domat/Ems. Ist es für Ihr Unternehmen ein Glücksfall, dass dieses Areal freigeworden ist?

Für uns ist das optimal und ich habe mich auch sehr dafür engagiert, dass dieses Areal umgezont wird. Es ist auch eine grosse Chance für Graubünden. Man kann dort grosse Gebäude erstellen, man stört niemanden, das Areal ist gut erschlossen. Als Unternehmer liebt man solche Areale.

Hamilton ist jetzt das erste Unternehmen, das sich dort ansiedelt. Was für Nachbarn würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Hightech-Unternehmen dort ansiedeln werden. Einen Interessenten gibt es ja bereits, nämlich Bristol Cars aus England. Ich habe mir das Unternehmen angesehen und bin überzeugt von ihren Ideen in Sachen Elektroantrieb für Fahrzeuge. Ich würde es toll finden, wenn sich dieses Unternehmen auch in Domat/Ems ansiedeln würde.

Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass der Kanton die Ausbildung von Ingenieuren mehr fördern sollte. Nun geht man beim Standort für den geplanten Campus der HTW Chur noch einmal über die Bücher. Müsste hier die Politik oder die Verwaltung nicht schnellere Entscheidungen treffen? Der ganze Prozess dauert nun schon eine gefühlte Ewigkeit.

Auf jeden Fall müsste schneller entschieden werden, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Kanton das überhaupt will. Wenn sich der Bündner Bildungsminister darüber beklagt, dass sich die jungen Leute nicht für Technik interessieren, ich dann aber sehe, dass 200 Bündner an der Fachhochschule Rapperswil Technik studieren und eine weitere grosse Zahl von Bündnern in Buchs am Neutechnikum ebenfalls Technik studiert, dann frage ich mich schon, wie Regierungsrat Martin Jäger zu solchen Schlussfolgerungen kommt. Und wenn ich sehe, wie Kinder mit ihren Handys umgehen, bin ich überzeugt, dass man in Graubünden gute Ausbildungen im Bereich Software anbieten könnte. Das sind alles Digital Natives. Auch der Bedarf ist sicher vorhanden. Wir brauchen 30 bis 40 neu ausgebildete Programmierer pro Jahr. Und es ist besser, diese Leute hier auszubilden als irgendwo im Unterland. Denn wenn sie mal weg sind, braucht es viel mehr Aufwand, um sie wieder zurück nach Graubünden zu locken. 

Wie müsste eine solche Förderung aussehen, mal abgesehen davon, dass man an der HTW solche Studiengänge einführt?

Erstens muss die Regierung sofort einen Standortentscheid in Sachen Campus fällen, zweitens müsste der Kanton eine Bildungsinitiative starten in Sachen Ingenieurwissenschaften, Software etc. und drittens muss sich der Kanton überlegen, was in Zukunft für Jobs benötigt werden. Man geht ja davon aus, dass mit der Digitalisierung viele heutige Jobs verschwinden, dafür aber andere Jobs geschaffen werden. Es gibt Studien, die sagen, dass ein Kind, das jetzt aufwächst, etwa sieben Mal seinen Beruf wechseln wird in seinem Leben und dass fünf dieser sieben Berufe noch gar nicht erfunden sind. Das heisst, wir müssen heute antizipieren, was kommt und unsere Bildungspolitik entsprechend gestalten.

Nun machen diese Veränderungen und die Digitalisierung ganz vielen Menschen Angst. Was antworten Sie jemandem, der über 45 Jahre alt ist und angst um seinen Job hat?

Vorweg: Ich glaube nicht, dass die Roboter die grossen Jobkiller sind, sondern Artificial Intelligence, also künstliche Intelligenz. Ich bin fest davon überzeugt, dass schon in zehn Jahren ein gutes Hightech-Unternehmen einen Roboter im Verwaltungsrat hat, der seine Entscheidungen aufgrund von ausgeklügelten Algorithmen treffen wird. Bei den Jobs, die verloren gehen, glaube ich, dass wir uns viel zu stark auf diesen Aspekt versteifen. Man müsste jetzt und heute überlegen, welche Jobs braucht es denn für das Internet der Dinge und dann die Mitarbeiter in die entsprechende Richtung steuern. Im Übrigen werden viele manuelle Tätigkeiten erhalten bleiben, zum Beispiel in der Pflege, Softwareentwicklung und so weiter.

Sie ziehen heute schon bei allen Hamilton-Projekten jeweils einen Automatiker und einen Digitalspezialisten bei. Warum?

Wenn man an einem Zukunftsprojekt arbeitet, braucht es genetische Vielfalt, davon bin ich überzeugt. Wir brauchen für die Entwicklung eines unserer medizinischen Produkte Leute, die die Technik anwenden, solche, welche die Technik verstehen, solche, die die Patienten oder den Anwender verstehen. Es braucht mehr Frauen in solchen Positionen, weil diese wieder andere Aspekte einbringen können. Das ermöglicht es uns, ein Produkt zu entwickeln, dass in fünf oder sechs Jahren erfolgreich sein wird.

Wie gross ist die Erfolgsquote bei Hamilton bei solchen Entwicklungen? Ist jeder Schuss ein Treffer oder gibt es auch Produkteflops?

Wir sind natürlich in einer etwas besseren Lage als etwa die Politik, wenn wir jetzt wieder die Sägerei in Domat/Ems betrachten. Aber ich habe im übertragenen Sinn auch schon ein paar Sägereien gebaut. Dennoch ist unsere Trefferquote hoch und liegt bei etwa 80 bis 90 Prozent. Aber es gibt auch Flops. Dort muss man dann konsequent genug sein und die Übung abbrechen.

Sie, Herr Wieland, sind im Kanton Graubünden einer der innovativsten Unternehmer. Wie wird man innovativ? Haben Sie da ein Geheimnis?

Man muss im Unternehmen eine Innovationskultur schaffen. Wenn einer bei Hamilton mit einer Idee zu mir kommt und mir ein Return of Investment innert zwei Jahren garantiert, dann bewillige ich das ziemlich rasch. Der geht anschliessend zu seinen Arbeitskollegen und erzählt, wenn Du eine gute Idee hast, gehe zu Wieland, der bewilligt das schnell. Wenn ich jedoch hingehen würde und einen Businessplan mit fünf Alternativen, eine Risikoanalyse und eine Sensitivitätsanalyse verlangen würde, dann wäre die Idee praktisch schon tot und dieser Mitarbeiter würde nie mehr mit einer Idee zu mir kommen. Und als Chef muss man dann auch hinter der Idee stehen und die Leute zu Höchstleistungen motivieren. 

Ist Innovation oder innovativ zu sein lernbar? Müsste das Teil der Ausbildung sein?

Natürlich kann man das zu einem Teil lernen und ich bin überzeugt, das müsste auch ein Teil dieser Bildungsoffensive sein. Die Logik wird abgedeckt durch die Elektronik usw. Aber der Innovationsteil, der zwischenmenschliche und psychologische Teil, den müsste man fördern, weil es diesen auch in Zukunft braucht.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen, wo stehen der Kanton Graubünden und die Hamilton?

Für Hamilton haben wir eine Produkte-Roadmap für die kommenden zehn Jahre und eine Marktentwicklungsinitiative für die nächsten fünf Jahre. Wir streben eine Verdoppelung des Unternehmensumsatzes an. Hier sind wir auf Kurs, es müsste schon etwas Aussergewöhnliches passieren, damit wir dieses Ziel nicht erreichen. Schwieriger sieht es für den Kanton aus. Rund 25 Prozent der Arbeitskräfte in Graubünden sind im Detailhandel tätig und dort wird die Digitalisierung extreme Einflüsse haben. Da müsste man jetzt rangehen und in Zusammenarbeit mit Experten ein Bild entwerfen, was denn in zehn Jahren gefragt sein wird. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass bei uns in zehn Jahren nur noch wenige Mitarbeiter einen festen Arbeitsvertrag haben, sondern eher als Consultants tätig sein werden. Darauf muss man die Leute aber vorbereiten. Solche Modelle kann es auch im Detailhandel geben, aber dieses Bild muss man heute zeichnen und die Leute entsprechend schulen und weiterbilden.

Viele Leute sehen schwarz für den Kanton. Sie auch?

Die Lage spitzt sich zu, weil die Milchkühe, die Graubünden in den letzten Jahrzehnten melken konnte, zum Schlachtvieh werden. Ich denke da etwa an den Tourismus mit der Hotellerie und den Bergbahnen, aber auch an die Kraftwerke. Hier müssen wir schauen, wie wir uns neu positionieren können. Diese Aufbruchstimmung, die wir in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts hatten, die vermisse ich und diese müsste man wieder aktivieren.