Mit der Teststrategie kommt die Eigenverantwortung zurück

Von Maurus Blumenthal | Direktor Bündner Gewerbeverband Do, 18.02.2021

Föderalismus, Eigenverantwortung und Public-Privat-Partnership sind auch in Krisenzeiten die bessere Lösung. Dies zeigt die Bündner Teststrategie. Diese risikobasierte Teststrategie ist eine effektive Alternative zu den Lockdowns. Sie ist angesichts des enormen wirtschaftlichen und sozialen Schadens der Lockdowns eine Lösung mit weniger gravierenden Folgen für die nächsten Generationen. Obwohl die Regierung im Herbst einen Antrag der Dachorganisationen der Wirtschaft zur Ausarbeitung einer erweiterten Teststrategie noch abgelehnt hatte, hat sie später den Ball aufgenommen und den Mut bewiesen, einen anderen Weg zu beginnen. Nun sollte die Regierung diesen Weg zu Ende gehen und die Teststrategie auch gegenüber dem Bund politisch als bessere Alternative ins Zentrum stellen.

Der wirtschaftliche Schaden ist enorm

Der wirtschaftliche Schaden im Kanton Graubünden ist bereits enorm. Langsam geht es zahlreichen Betrieben an die Substanz: Investitionen werden gestrichen, Personal abgebaut und das Eigenkapital und die Reserven aufgebraucht. Insbesondere Betriebe im Tourismusbereich dürften einen grossen finanziellen Schaden erleiden. Der Bündner Wirtschaft dürften für die Jahre 2020 und 2021 zusammen rund eine Milliarde Franken zur Deckung der Betriebskosten und Investitionen fehlen. Einerseits braucht es dazu die kurzfristigen Härtefallhilfen und mittelfristig zukunftsgerichtete Entschädigungen als Aufbauhilfen. Andererseits ist die kostengünstigste Alternative die rasche Öffnung. Mit den Schutzkonzepten, dem systematischen Testen und den Impfungen ist eine solche nun zu verantworten.

Lockdowns sind keine Perspektive

Einschränkungen, Impfungen sowie Schutzkonzepte standen bisher im Vordergrund der Pandemiepolitik. Dass Lockdowns mittel- und langfristig keine Lösung sein können, dürfte immer klarer werden. Viele Menschen haben langsam keine Perspektive mehr. Ohne Perspektiven droht ein Teufelskreis auf persönlicher, gesellschaftlicher wie auch wirtschaftlicher Ebene. Dass die Impfung einen grossen Beitrag leisten kann, darf man zurzeit hoffen. Mehr aber auch nicht. In der aktuellen Situation ist es leider so, dass es sehr wenig gesichertes Wissen gibt.

Testen ist die intelligentere Lösung

Es braucht ein System, das auch mit wenig gesichertem Wissen funktioniert. Hier setzt das risikobasierte Testen an. Dort, wo das Schadenpotenzial grösser ist wie in Spitälern und Altersheimen, wird proaktiv mehr getestet. Dort, wo die Eintretenswahrscheinlichkeit grösser ist, wie bei einer Zunahme der Fallzahlen in einem Betrieb oder einer Gemeinde, wird ebenfalls proaktiv mehr getestet. Damit eine laufende Übersicht gewährt werden kann, wird flächenmässig wiederkehrend getestet, aber nur so viel wie nötig. Damit werden Infektionsketten gezielt und vorausschauend unterbrochen und nicht auf «Gut Glück» und meistens im Nachhinein wie dies bisher der Fall war.

Um die Teststrategie zu verstehen, muss man davon wegkommen, alle Infektionsketten kontrollieren zu wollen. Wenn laufend 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung im ganzen Kanton verteilt getestet werden, sollten die Infektionsketten systematisch unterbrochen werden, egal wo und wie sich die Personen anstecken. Im Puschlav konnten neue Fallzahlen in kurzer Zeit damit fast vollständig eliminiert werden. In St. Moritz und Arosa konnten durch Ausbruchstestungen grosse Ausbrüche auch mit dem mutierten Virus erfolgreich eingedämmt werden. Die bisher mit der Teststrategie gemachten Erfahrungen zeigen also, dass mit vergleichsweise wenig Aufwand eine grosse Wirkung erzielt werden kann.

Freiwilligkeit zahlt sich aus

Für die gut durchdachte Teststrategie des Kantons Graubünden spricht zudem, dass das Mitmachen freiwillig ist. Die Eigenverantwortung kann wieder zurückkehren und die Massnahme ist für die Menschen einfach im Alltag umsetzbar. Dass eine solche Teststrategie entstehen konnte und nun umgesetzt wird ist dem Föderalismus zu verdanken und dem Zusammenspiel von privater und behördlicher Initiative.

Innovation entsteht dort, wo Menschen eigene Wege einschlagen und diese beharrlich in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten auch angesichts von Widerständen weiterverfolgen. Jetzt gilt es den Weg weiterzugehen. Die mit der Teststrategie erzielten Wirkung im Puschlav, St. Moritz und Arosa wie auch der Verlauf der Fallzahlen in Graubünden zeigen, dass in der Pandemiepolitik eine Kehrtwende vollzogen werden muss. Die Vorteile der Bündner Teststrategie sind: Wirksamkeit, Verhältnismässigkeit, Freiwilligkeit, Gesamtkosten und Umsetzbarkeit. Diese Teststrategie kann – wenn nötig – auch während der nächsten zehn Jahre umgesetzt werden, falls alle anderen Stricke reissen.