Mama ist eine Chefin: wie geht das?

Von Clara Caminada | Vice President Process Analytics, Hamilton Bonaduz AG Mo, 08.10.2018

Der Frauenanteil in Führungspositionen der Schweiz wächst zwar - aber sehr langsam. Entsprechend dem Global Gender Gap Report 2017 (WEF, http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2017.pdf) brauchen wir noch geschätzte 61 Jahre um Gleichstellung zu erreichen. Gleichzeitig sind vielfältige Teams erfolgreicher. Nun gehöre ich zu diesem kleinen Prozentsatz Frauen, besser gesagt Müttern, die in einer Geschäftsleitung tätig sind. Ich freue mich die Gelegenheit hier zu nutzen, meine Erfahrung ganz pragmatisch zu teilen, in der Hoffnung einen Beitrag zu diesem Gesellschaftswandel zu leisten. Ich sehe es als meine – eigentlich als unsere – individuelle Verantwortung, täglich an dieser Situation zu arbeiten und mit Taten zu überzeugen.

Wie wurde meine Promotion aufgenommen?
Vor einem Jahr wurde ich als erste Frau in die Geschäftsleitung der Hamilton Bonaduz AG gewählt. In meiner vorherigen Position verantwortete ich fünf Jahre das Marketing in der gleichen Geschäftseinheit. Dieser Entscheid trägt aus meiner Sicht eine starke Botschaft unseres CEOs: Karriere machen bei Hamilton intern ist möglich – auch für Frauen. Und es hat mich ganz besonders gefreut, dass dies von den Kollegen sehr begrüsst wurde.

Was waren die grössten Schwierigkeiten in meiner Karriere?
Ich habe mich in meiner Karriere beweisen müssen, bin aber auch gefördert und befördert worden. Meine erste grosse Beförderung habe ich interessanterweise kurz nach der Geburt meiner ersten Tochter angeboten bekommen. Der Mangel an weiblichen Rollenmodellen in der Nähe ist für mich das Schwierigste. Deshalb übernehme ich nun auch umso lieber diese Rolle.

Wie organisiere ich mich? Bleibt mein Mann zu Hause?
Mein Mann und ich arbeiten beide 90 Prozent. Unsere zwei Töchter (4 und 6 Jahre alt) gehen in einen Montessori Kindergarten, den einzigen Ganztageskindergarten in Chur. Wir wollten nicht, dass die Kinder wie üblich durch drei unterschiedliche Strukturen mit wechselnden Referenzpersonen durch den Tag wandern: vom Kindergarten zum Mittagstisch und dann zur Nachmittagsbetreuung. Mittwoch verbringen wir, mein Mann oder ich, den Nachmittag abwechselnd mit den Kindern.

Sind die Kinder glücklich?
Wie oft bin ich an dieser Frage verzweifelt. Ein weiterer Beweis der Ungewöhnlichkeit meiner Situation. Inzwischen habe ich meinen Frieden damit gefunden und eine klare Position entwickelt. Ganz klar sind die Kinder glücklich, sonst würden wir etwas ändern. Und ich bin überzeugt, dass ich eine ausgeglichenere Mutter bin. Dank den Kindern bin ich auch eine ausgeglichenere Chefin für mein Team. 

Was sind die grössten Herausforderungen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen?
Die Herausforderungen können unterschiedlicher Natur sein. Voraussetzung ist ein Partner, der dieses Familienmodell unterstützt und die Verantwortung im Haushalt und der Kindererziehung gleichermassen mitträgt. So kann man sagen, dass mein Mann in seinen Taten Feminist und der grösste Sponsor unseres Familienmodells ist. Mit drei Frauen zu Hause kann er vielleicht auch nicht anders… Natürlich ist die Organisation des Tages anspruchsvoll und erfordert Disziplin und klare Prioritäten. Es war nicht einfach adäquate Tagesbetreuungsstrukturen zu finden, aber hier hat sich Chur in den letzten Jahren zum Positiven entwickelt. Am schwierigsten fand ich es, mir Zeit neben Familie und Arbeit zu gönnen.

Wie grenze ich mich von der Arbeit ab, wenn ich mit den Kindern bin?
Da brauche ich klare Grenzen. Wenn ich mit den Kindern bin, wird nicht gearbeitet, das Mobiltelefon bleibt weggelegt. Natürlich ist es nicht immer einfach abzuschalten. Es wird für mich zum Unmöglichen, wenn ich zwischendurch eine Email beantworten oder einen Anruf annehmen müsste.

Was wünsche ich mir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass meine Töchter eine Arbeitswelt erleben, welche Diversität in allen Aspekten – Geschlecht aber auch Ausbildung, Kultur, oder Persönlichkeit – als Stärke bewertet.