Ist die einst stolze Winterdestination Graubünden ein Auslaufmodell?

Von Martin Hug | Präsident Bergbahnen Graubünden und Mitglied der Geschäftsleitung Weisse Arena AG Mi, 17.10.2018

Die Herausforderungen der Branche sind vielfältig und liegen z.B. im Klimawandel, dem Wandel der Gästebedürfnisse, der hohen Wettbewerbsintensität in stagnierenden Märkten sowie in einer kleinbetrieblichen Struktur.

Bis dato ist in Graubünden über alles gesehen immer noch kein vergleichbares Businessmodell bekannt, welches ähnlich viel Wertschöpfung generiert, wie der Wintertourismus, auch wenn die Bedingungen mit dem Klimawandel immer herausfordernder werden. Eine Weiterentwicklung des vorherrschenden Business-Modells hin zu einer Stärkung des Sommers bzw. hin zu einem ganzjährigen Angebot benötigt denn auch Geld, Zeit und einen entsprechenden Vorlauf. Die Umsetzung ist nicht von heute auf Morgen machbar, zu komplex und vielschichtig sind die gegenseitigen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen in den Destinationen. Dabei sind sich die Unternehmungen den Herausforderungen bewusst, können die Veränderungen aber nur langsam einleiten und umsetzen, denn letztlich geht es hier auch um den Schutz von getätigten Investitionen, investiertes Kapital, Eigentum und nicht zu vergessen um Existenzen, Einkommen und Wertschöpfung ganzer Familien, Dörfer und Talschaften.

Wie soll sich die Branche denn verhalten auf dem Weg in eine erfolgreichere Zukunft?

Die Bündner Bergbahnunternehmer müssen mutiger und innovativer werden. Dabei dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass die Tourismus-Branche in der Schweiz in den Jahren seit der Krise erstaunliche Fortschritte erzielt hat. 

Es sind neue Hotelkonzepte entstanden, die Leistungserbringer haben sich vermehrt zu Kooperationen zusammengeschlossen und sie experimentieren mit neuen Preismodellen und Angebotsformen.

Solche von der Basis getriebenen Innovationen bringen den Tourismus weiter. Die lokalen verantwortlichen Leistungsträger wissen nämlich am besten, welche Marketingaktivitäten und Gäste zur Region passen. Dabei sind Optimierungsmassnahmen auf einzelbetrieblicher Ebene wichtig, aber oft nicht ausreichend für die nötige Stärkung der Ertragskraft. 

Mit Blick beispielsweise auf die Kostenseite eines Unternehmens gäbe es durchaus Möglichkeiten. Denkbar ist, dass Lead-Unternehmungen der Bergbahnbranche Leistungen und Know-How ihrer geeigneten, fachlich qualifizierten Mitarbeitenden anderen Bergbahnen zur Verfügung stellen, sodass sowohl diese als auch die Lead-Unternehmungen noch kosteneffizienter arbeiten können. Hier würde auch in Graubünden mit Blick auf die aktuelle Lage die Realisierung überbetrieblicher Konzepte durchaus neue Chancen eröffnen.

Kollaboration statt Kompetition!

Weiter gilt es auch, die Möglichkeiten der Automatisierung im Betrieb sowie der Digitalisierung im Bereich der Gäste-Loyalisierung sowie im Dynamic Pricing noch viel konsequenter einzusetzen. 

Dabei ist es unerlässlich, zu den eigenen Werten zu stehen, diese noch besser zu bündeln und den Gästen als buchbare Mehrwerte zugänglich zu machen. Wir müssen als Branche das Kundenerlebnis massiv steigern und die Bedürfnisse unserer Gäste ins Zentrum stellen.

Ein Chinesisches Sprichwort sagt:

"Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen"

Es gibt auch in Graubünden noch ungenutztes Potenzial, dass sich zu Windmühlen entwickeln lässt.

Dabei braucht es unterstützend weder wettbewerbsverzerrende Subventionen noch Förderprogramme, welche anstatt ins Produkt und/oder die Infrastrukturen zu fliessen, zu einem wesentlichen Teil die Taschen einer wachsenden Beratungsindustrie füllen. 

Es braucht den gemeinsamen festen Willen, die Unternehmungen administrativ zu entlasten und durch rigorose Deregulierungsmassnahmen der Bevölkerung im Berggebiet auch in Zukunft zu ermöglichen, die Natur nachhaltig zu nützen und in Wert zu setzen. 

Wenn wir uns heute nicht wehren, laufen wir morgen Gefahr von den Ballungszentren zu bevormundeten Statisten in einem entvölkerten Schutz-Reservat zu werden.