Späne aus der Denkwerkstatt

Zweite Welle? Lessons Learned von Israel im Umgang mit Covid-19

Noch im Frühjahr galt Israel als Vorzeigebespiel bei der Bekämpfung der Pandemie. Heute kämpft das Land mit der zweiten Corona-Welle, welche sich schlimmer zeigt als die erste. Was kann die Schweiz von Israel lernen, um die Corona-Krise besser zu meistern?

Von Wirtschaftsforum Graubünden Do, 30.07.2020

Nach dem israelischen Lockdown im März erklärte Ministerpräsident Netanyahu das Virus als besiegt, nachdem die Neuinfektionen im April stark gebremst worden waren. Heute scheint das Land die Kontrolle über das Corona-Virus verloren zu haben.

Die Anzahl an täglichen Neuinfektionen erreicht einen Negativrekord nach dem anderen: Israel hat zurzeit täglich mehr als 2’000 Neuansteckungen zu verzeichnen. Die Zahl der Infizierten liegt bei mehr als 18'000 und ist damit doppelt so hoch wie bei der ersten Welle Mitte April. Zahlreiche Betriebe sind wieder geschlossen, tausende befinden sich in Quarantäne, Teile des Landes sind abgeriegelt, das Gesundheitswesen steht unter Druck und Labore kommen mit der Auswertung der Tests nicht nach. Wie kam es zu diesem Rückschlag?

Vergleich Covid-19-Zahlen Israel/Schweiz

 

Vielfältige Gründe

Ein Problem liegt im mangelhaften Nachverfolgen von Infektionsketten: Der Regierung gelang es bis heute nicht ein effektives Contact-Tracing-System zu etablieren. Auch die eigens entwickelte App wurde nur ungenügend heruntergeladen und funktioniert fehlerhaft.

Zweitens scheint die Lockerung in den Schulen etwas früh gekommen zu sein: Nach vielen neuen Infektionsherden, bei denen sich vor allem junge Leute angesteckt hatten, mussten hunderte Schulen wieder geschlossen werden und zahlreiche Schüler und Lehrer befinden sich in Quarantäne. 

Ein dritter Grund mag in der abnehmenden Vorsicht der Bevölkerung liegen: viele halten sich offenbar kaum noch an die Sicherheitsvorschriften. Jugendliche feiern ausgiebig, Familienfeste finden im grossen Rahmen statt und die Gastronomiebetriebe und Strände in Tel Aviv sind voll. Dieses Verhalten lässt sich unter anderem auch auf die Kommunikation der Regierung zurückführen: «Trinkt Kaffee, Bier, habt Spass», hiess es Ende Mai bei der Wiedereröffnung. Zudem hätte die Polizei beim Verstoss der Regeln kaum streng durchgegriffen.

Lessons-Learned für Graubünden

Die Situation in Israel ist nicht eins zu eins auf die Schweiz und Graubünden übertragbar, dennoch lassen sich ein paar Erkenntnisse ableiten: Es bestätigt sich, dass das Tracking von Infektionsketten das zielführendste Mittel ist, um die unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu stoppen. Das Beibehalten von Sicherheits- und Abstandsregeln und die Eigenverantwortung des einzelnen sind zentrale Erfolgsfaktoren, welche durch eine klare Kommunikation der öffentlichen Hand gefördert und eingefordert werden können.

Und solange es keine Impfung und keine Medikamente gegen COVID-19 gibt, stellen Orte, an denen viele Menschen eng gedrängt beisammen sind, ein Ansteckungsrisiko dar. Für den Bündner Tourismus bedeutet dies, hinsichtlich der kommenden Wintersaison kreative Lösungen zu suchen.

Restaurantbesuche am reservierten Tisch mit Abstand, Fahrten mit ÖV und Bergbahnen mit cooler Gesichtsmaske und digitale Erweiterungen oder zeitversetzte Durchführungen von Kultur- und Sportveranstaltungen sind nur einige der Ansätze, wie die Corona-Pandemie verantwortungsvoll und zugleich ohne Abstriche beim Spass gemeistert werden kann.