Späne aus der Denkwerkstatt.

Zieht es die Menschen wieder aufs Land? Antworten aus Graubünden

Medienberichte im Zusammenhang mit der Covid-19-Krise erwecken den Eindruck, dass immer mehr Menschen mit dem Gedanken spielen, auf das Land zu ziehen. Doch lässt sich ein solcher Trend tatsächlich beobachten? Das Wirtschaftsforum Graubünden hat die Wanderungsdynamik Graubündens analysiert, und erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Von Peder Plaz | Geschäftsführer Wirtschaftsforum Graubünden Do, 29.04.2021

Die Globalisierung hat sich seit den 90er Jahren verstärkt auf die Schweizer Wirtschaft ausgewirkt. Während der Tourismus im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst hat, konnten Unternehmen in den wissens- und technologieintensiven Wirtschaftbereichen (bspw. Finanzdienstleistungen, Life-Sciences, Hightech-Industrie) ihre Wettbewerbsfähigkeit halten bzw. ausbauen.

Der verkehrstechnisch benachteiligte Alpenraum

Ein Blick auf die räumlichen Auswir-kungen dieser Entwicklung zeigt, dass die angesprochenen wissens- und technologieintensiven Branchen für die Ansiedlung bzw. Weiterentwicklung ihrer Unternehmen in erster Linie die Metropolitanräume (Zürich, Basel, Genf-Lausanne, Bern und Ticino Urbano) bevorzugen. Denn diese Räume verfügen über eine ausgezeichnete Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur und damit über eine vergleichsweise gute Verfügbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskräften.

Durch diese prosperierende wirtschaftliche Entwicklung der Metropolitanräume ist eine Sogwirkung entstanden, welche zu einer anhaltenden Abwanderung der Bevölkerung aus dem Berggebiet geführt hat. Besonders schwer haben es dabei diejenigen Regionen aus dem Berggebiet, die am schlechtesten mit den Metropolitanräumen verbunden sind, die sogenannten «verkehrstechnisch benachteiligten Alpenräume».

Grafik Wanderungsdynamiken

 

Bildungs- und Arbeitsmigration sowie Altersmigration

Das Wirtschaftsforum Graubünden hat die Ab- und Zuwanderungsdynamiken der Bündner Ski- und Bergge- bietsgemeinden der jüngeren Zeit, also zwischen 2011 und 2019, untersucht und ist dabei auf zwei erkennbare Muster gestossen.

Einerseits findet weiterhin eine markante Abwanderung der jüngeren Bevölkerung in Richtung der kantonalen und schweizerischen Zentren statt. Der Grund dieser Abwanderung ist in erster Linie, dass die jüngere Bevölkerung vom grösseren Bildungs- und Arbeitsangebot der Zentren profitieren möchte, und zu diesem Zweck in vielen Fällen dann eben auch den Wohnort in die Nähe der entsprechenden Angebote verlegt. Wir sprechen hier vereinfachend von der «Bildungs- und Arbeitsmigration».

Andererseits findet auch eine gewisse Zuwanderung der älteren Bevölkerung, insbesondere aus anderen Kantonen der Schweiz, statt. Diese Zuwanderung kommt zum einen zustande, weil es einen Teil der zuvor abgewanderten jüngeren Bevölkerung nach abgeschlossener Ausbildung und/oder gemachten Berufserfah- rungen mit fortschreitendem Alter wieder zurück in die «alte Heimat» zieht.

Zum anderen entdecken auch immer mehr Zweitwohnende (Graubünden verfügt über rund 78’000 Zweitwohnungen) und mit dem Kanton verbundene Personen, Graubü den als passenden Ort, um die Berufskarriere abzuschliessen, den Übergang in die Pension einzuleiten und dann den Lebensabend dort zu verbringen. Wir bezeichnen dies als «Altersmigration».

Die Menschen ziehen tatsächlich wieder aufs Land, aber...

Insofern lässt sich in Graubünden also tatsächlich ein Trend erkennen, dass «die Menschen wieder aufs Land ziehen». Dabei beschränkt sich dieser grundsätzlich sehr erfreuliche Trend bislang allerdings in erster Linie auf das Alterswohnen. Wobei die Zuwanderung die gleichzeitig stattfindende Abwanderung nicht zu kompensieren vermag und aufgrund der angesprochenen Altersstruktur auch in vielen Fällen zu einer Überalterung der Bevölkerung im Berggebiet führt. Dazu kommt, dass gerade die grossen touristischen Orte Graubündens aufgrund verschiedener Faktoren (bspw. Erschwinglichkeit von Wohneigentum) von diesem Trend (noch) nicht profitieren konnten.

Neue Perspektiven für das Berggebiet

Zweifelsfrei haben die Effekte rund um die Covid-19-Krise (Videokonferenz, Homeoffice, Cloud-Computing) die Chancen im Berggebiet als Wohnstandort oder zumindest als temporärer Wohnstandort deutlich verbessert. Insbesondere «Heimwehbergler» und Zweitwohnende dürften als Zielgruppe für ein vermehrtes Wohnen in den Bergen interessant werden.

Nun wird es für das Bündner bzw. Schweizerische Berggebiet darum gehen, den erkennbaren Trend des «Alterswohnen in den Bergen» vermehrt auf Familien auszuweiten. Finden vermehrt Familien den Weg in die Berggebiete, so wirkt dies der Überalterung entgegen, kurbelt die Wirtschaft an und generiert wertvolle Steuereinnahmen. Kurzum: es schafft neue Perspektiven für das Berggebiet.

Voraussetzung dafür sind unter anderem attraktive Rahmenbedingungen für Familien. Diese können den Ausbau von Krippenplätzen, das Anbieten von Tagesschulen bis hin zu grossräumigen Lösungen für Teilzeitfernunterricht in Wahlfächern in der Volksschule sowie vieles mehr umfassen. Der Kreativität sind bei der Kombination von digitalen und gesellschaftlichen Ressourcen wenig Grenzen gesetzt.