Neues Energiegesetz unter Dach und Fach

Wirtschaft steht hinter dem Energiegesetz

Graubünden hat ein neues Energiegesetz. Der Bündner Grosse Rat hat die Teilrevision des Gesetzes am Mittwoch mit 69:18 Stimmen gutgeheissen. Zufrieden mit dem Ergebnis ist auch Graubündens Wirtschaft, die anfänglich an der geplanten Stossrichtung der Gesetzesrevision keine Freude hatte.

Von Redaktion GRimpuls Do, 13.02.2020

Dass dem Klimawandel begegnet und der CO2-Ausstoss gesenkt werden muss, bestreitet in der Bündner Wirtschaft niemand. Über den Weg dazu gibt oder besser gab es aber zwischen Gesetzgeber und den Wirtschaftsverbänden unterschiedliche Ansichten. Insbesondere am Vernehmlassungsentwurf fand die Wirtschaft keinen Gefallen. Sie befürchtete höhere Kosten, eine stärkere Regulierung und zu viel staatliche Kontrolle.

«Die Vorlage strotzt vor neuen Vorschriften und Zwängen und lässt die bisher geübte Anreizpolitik in den Hintergrund treten», heisst es in der gemeinsamen Vernehmlassung der Dachorganisationen der Wirtschaft Graubünden, des Hauseigentümerverbands Graubünden (HEV), des Schweizerischen Verbands der Immobilienwirtschaft SVIT Graubünden, des Verbands Graubündner Elektro-Installationsfirmen, von Suissetec Grischun und von Gastro Graurübnden an das kantonale Amt für Energie und Verkehr. Ausserdem berücksichtige der Gesetzesentwurf die Struktur des Kantons zu wenig. Man könne im Kanton Graubünden nicht in allen Regionen die vorgeschlagenen Massnahmen umsetzen.

Doch was heisst das genau? Wir fragen nach bei einem Fachmann. Achille Christoffel, Vorstandsmitglied des Gebäudetechnikverbands Suissetec Grischun, erklärt. «Das besiedelte Gebiet des Kantons Graubünden erstreckt sich von rund 250 Metern auf bis zu 2100 Meter über Meer. Das bedeutet auch grosse klimatische Differenzen innerhalb des Kantons.»

Dazu gehören auch grosse Gemeinden mit vielen Zweitwohnungen in Tourismusregionen wie Davos (1560 Meter über Meer) und St. Moritz (1822 Meter über Meer). Die klimatischen Bedingungen dieser Orte können nicht mit Städten und Dörfern im Bündner Rheintal oder im Schweizer Mittelland verglichen werden, so Christoffel. Und das sei im Vernehmlassungsentwurf der Regierung zu wenig bis gar nicht berücksichtigt worden.

Der Bündner Grosse Rat am Mittwoch, 12. Februar, bei der Debatte der Teilrevision des Energiegesetzes. (Bild Olivia Aebli-Item, SO)

 

Hoher Bestand an geschützten Gebäuden

Christoffel weist noch auf einen weiteren Punkt hin, der die energetische Sanierung von Gebäuden in Graubünden schwieriger als im Unterland macht. Der Kanton weise einen hohen Bestand an geschützten Bauten und Ortsbildern auf. Dort seien etwa energetische Massnahmen an den Gebäudehüllen praktisch unmöglich oder nur mit unverhältnismässig hohem finanziellem Aufwand umzusetzen.

Das gelte beispielweise im Engadin mit seinen historischen, lokaltypischen Häusern. Dort sei der Einsatz von Wärmepumpen praktisch nicht möglich, so Christoffel weiter. Luft-Wärmepumpen könnten nicht installiert werden, weil sie das Ortsbild beeinträchtigen würden oder zu wenig effizient sind und für Erdsonden sei der Untergrund teilweise ungeeignet oder die Grundstücke seien zu klein, um Erdsonden zu bohren. «Als Alternative wird dann oft von Holzschnitzel- oder Pelletsheizungen gesprochen», so Christoffel, «aber niemand denkt daran, dass das Holz oder die Pellets mit Lastwagen angeliefert werden müssen.» In diesen alten, eng bebauten Dorfkernen sei auch dies nur mit grossem Aufwand oder zum Teil fast nicht möglich. Auch müsse der Platzbedarf für Pellets oder Holzschnitzel jeweils gut geprüft werden, was bei alten Liegenschaften sehr oft nicht gegeben sei.

Die Wirtschaft forderte deshalb klar definierte Ausnahmen im Gesetz, um diesen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Nicht alle, aber viele Anliegen der Wirtschaftsverbände wurden letztlich berücksichtigt, weshalb die Gesetzesrevision nun auch die Unterstützung der Bündner Wirtschaft hat, wie die Dachorganisationen Wirtschaft Graubünden und der HEV Graubünden Ende Januar mitteilten.

Effizienterer Umgang mit Energie

Christoffel plädiert derweil für Vorschriften mit Augenmass und vor allem für eine Versachlichung der Diskussion. Natürlich müsse der CO2-Ausstoss gesenkt werden, aber die Verbote und Vorschriften müssten auch Sinn machen. Das würden sie heute nicht immer.

«Viele Gebäude in den Tourismusregionen stammen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren und sind heute sanierungsbedürftig. Eine mit hohen Kosten verbundene Umstellung auf CO2-neutrale Heiz- und Warmwasseranlagen mittels Wärmetauscher und Photovoltaikanlagen lohnt sich oft nicht, weil die Wohnungen und Häuser nur wenige Wochen im Jahr benutzt werden», so Christoffel. Für solche Objekte könne eine moderne, effiziente Ölheizung mit geringerem Schadstoffausstoss mehr Sinn machen, weil sich der Besitzer diese Investition leisten könne. Sonst laufe man Gefahr, dass Gebäudesanierungen aus finanziellen Gründen hinausgeschoben würden. Das schade dem Klima viel mehr.

Besser wäre laut Christoffel ohnehin ein effizienter und vor allem intelligenterer Umgang mit der Energie. «Wir als Gebäudetechnikbranche sind bestrebt, energieeffiziente Systeme zu planen und zu installieren, welche weniger Energie verbrauchen, denn nur die Energie, die nicht benötigt wird, ist gespart», sagt Christoffel. «Wir müssen den Strom am richtigen Ort im richtigen Moment zur Verfügung stellen.» Das erfordert aber ein Energiemanagement mit intelligenten (smarten) vernetzten Systemen.

Beispiele dafür gibt es bereits in Japan, wie Christoffel ausführt. Dort können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Elektrofahrzeuge an der Arbeitsstelle aufladen, zu Hause am Stromnetz dienen die Batterien der Fahrzeuge dann als Energiespeicher und -lieferant. Christoffel ist überzeugt, dass auch bei uns die Anstrengungen in diese Richtung gehen müssten und gehen werden.

Die Hotellerie macht es vor

Eine Branche, die schon früh versuchte ihren CO2-Ausstoss zu senken und ihre Energieeffizienz zu erhöhen war die Bündner Hotellerie. Ausschlaggebend waren neben dem Gästebedürfnis nach Nachhaltigkeit und der Sensibilität der Hoteliers für Umweltthemen vor allem auch ökonomische Gründe. Immerhin machen die Energiekosten zwischen drei und fünf Prozent des Umsatzes aus, was bei einem grösseren Hotel rasch einmal eine halbe Million Franken sein kann.

Mit dem 2013 von HotellerieSuisse Graubünden lancierten Programm «Leuchtturm» sollten Hoteliers dazu motiviert werden, ihren CO2-Ausstoss zu senken und die Energieeffizienz zu steigern. 98 Vier- und Fünf-Stern-Hotels konnten für das Projekt gewonnen werden, bis Ende 2020 sollten die beteiligten Hoteliers Einsparungen von 20 Millionen Franken verzeichnen.

Haben sich diese Prognosen bewahrheitet? Heute sind von den 98 Betrieben 89 noch dabei und die meisten dieser Betriebe erfüllen die mit dem Bundesamt für Umwelt abgeschlossenen Zielvereinbarungen. Der wirtschaftliche Nutzen liege sogar über den im Jahr 2013 formulierten Zielen, wie HotellerieSuisse-Graubünden-Geschäftsführer Jürg Domenig kürzlich im «Bündner Tagblatt» ausführte.

Ende der Verpflichtungsperiode im Jahr 2020 werde der Ertrag aufgrund der zurückerstatteten CO2-Abgabe und der eingesparten Energie über 25 Millionen Franken betragen. Darüberhinaus wurde das Projekt noch mit begehrten Preisen ausgezeichnet. 2014 gab es den Tourismuspreis «Milestone» sowie 2015 den Watt d’Or.