Die Bündner Hotelbranche fordert in einem Positionspapier Unterstützung.

«Wir waren wahrscheinlich zu optimistisch»

Letzte Woche forderte der Branchenverband HotellerieSuisse ein branchenspezifisches Entschädigungspaket für die Beherbergungsbetriebe. Schon zwei Wochen zuvor gelangte HotellerieSuisse Graubünden mit einem Positionspapier an den Kanton. Im Interview mit «GRimpuls» erklärt HotellerieSuisse-Graubünden-Präsident Ernst Wyrsch, warum die Hotellerie in der Coronapandemie unterstützt werden soll und warum sie andere Berechnungskriterien fordert.

Von René Mehrmann Di, 02.02.2021

Herr Wyrsch, HotellerieSuisse Graubünden hat vor gut zwei Wochen ein Positionspapier zur Lage der Bündner Beherbergungsbetriebe verfasst und Vorschläge gemacht, wie der Branche geholfen werden kann. Welches sind die drei wichtigsten Forderungen aus diesem Papier?
Ernst Wyrsch: Ich möchte vorausschicken, dass in der Härtefallverordnung sehr viele Guidelines vom Bund vorgegeben werden und kantonale Umsetzungen können, müssen aber nicht berücksichtigt werden. Wir haben uns deshalb auch sehr eng mit HotellerieSuisse abgesprochen, was wir auf Bundesebene fordern und was wir in Graubünden fordern. Im Kanton laufen die Gespräche mit der Regierung und Verwaltung und ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir zu einem guten Abschluss kommen. Die dringendste Forderung unsererseits ist die Verlängerung respektive Neuaufgleisung der Covid-19-Kredite. Damit kann Betrieben, die wirtschaftlich gesund sind, aber aufgrund der schlechten Wintersaison einen Liquiditätsengpass haben, schnell geholfen werden. Unsere zweite Forderung betrifft die Qualifizierung als Härtefall. Wir sind der Meinung, dass diese Qualifizierung aufgrund des Umsatzausfalls von mindestens 40 Prozent der falsche Ansatz ist. Wir fordern, dass als Grundlage für die Berechnung des anrechenbaren Schadens der EBITDA, also der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen herangezogen ist. Diese Zahl ist unserer Meinung nach aussagekräftiger als der Umsatz. Wenn man aber beim Umsatz als Qualifizierung bleiben will, dann muss der Ansatz gesenkt werden von 40 auf 30 Prozent Umsatzverlust. Und drittens möchten wir die Obergrenze für Entschädigungen von 750'000 Franken anheben. Diese Deckelung ist für die grossen Hotels, die normalerweise 40 bis 50 Millionen Franken Umsatz machen, zu tief.

 

Eine der Forderungen ist die Neuauflage der Covid-19-Kredite. Hätte man das nicht schon viel früher an die Hand nehmen sollen? Es war ja schon Ende November absehbar, dass sich die Pandemielage stark verschlechtert.
Im Nachhinein kann man das natürlich so sehen. Wir waren wahrscheinlich zu optimistisch und geblendet von der ausserordentlich guten Sommer- und Herbstsaison. Graubünden hatte im Vergleich zu anderen Kantonen die besten Logiernächtezahlen und wir haben wohl zu naiv geglaubt, dass das so weitergeht. Mit dem heutigen Wissen würden wir die Neuauflage der Covid-19-Kredite früher verlangen, aber es geht uns gleich wie dem Bund und den Kantonen. Wir machen eine einmalige Erfahrung in dieser Pandemie und können auf keine Referenzwerte zurückschauen.

 

Wohl fast die wichtigste der Forderungen ist die neue Berechnungsgrundlage mit dem EBITDA anstatt dem Umsatz. Was würde diese neue Berechnungsgrundlage für einen Hotelbetrieb bedeuten?
Der Umsatz ist unternehmerisch gesehen keine sehr aussagekräftige Zahl, wie erfolgreich ein Unternehmen ist. Ein Unternehmen kann einen riesigen Umsatz haben und trotzdem Verluste schreiben, oder es hat einen kleinen Umsatz, ist aber trotzdem sehr rentabel. Was sich zwischen Umsatz und Gewinn abspielt, das sind die unternehmerischen Leistungen. Diese wollen wir bewertet haben. Der Umsatz ist eigentlich eine verwirrende Zahl, so wie die klassische Beurteilung der Beherbergungsbetriebe über die monatlichen Logiernächtezahlen. So heisst zum Beispiel 9 Prozent mehr oder weniger Logiernächte noch lange nicht, dass ein Betrieb erfolgreicher oder weniger erfolgreich ist. Für den Erfolg sind weitere Faktoren massgebend, wie beispielsweise die Preisgestaltung und die Kostenstruktur. Deshalb glauben wir, dass der EBITDA die bessere und fairere Bewertungsgrundlage ist.

Sehen Sie sich hier das ganze Interview an:

 

Im Gegensatz zu anderen Betrieben wie zum Beispiel Restaurants konnten die Hotels immer offen haben. Trotzdem wollen sie jetzt in die Härtefallregelung aufgenommen werden. Weshalb?
Es geht dabei insbesondere um die Restaurationsbetriebe in den Hotels. Diese waren für Nicht-Hotelgäste geschlossen. Dabei muss man wissen, dass es viele Betriebe gibt, die 75 Prozent und mehr des Umsatzes mit externen Gästen machen. Grundsätzlich geht es uns darum, bewusst zu machen und uns mit Bund und Kantonen zu einigen, dass auch die Hotellerie einen Härtefall erleben kann, auch wenn die Betriebe nicht schliessen mussten. Wie dann die Ausfälle bemessen werden, auf welcher Grundlage und wie hoch die Entschädigungen sein werden, diesen Meccano kann man hinter den Kulissen diskutieren.

Sie haben gesagt, dass sie vorsichtig optimistisch sind, dass die Gespräche zwischen HotellerieSuisse Graubünden und Kanton erfolgreich sein werden. Trotzdem wird es noch ein paar Wochen dauern, bis tatsächlich Gelder fliessen. Was macht jetzt ein Hotelier, der dringend Liquidität braucht und nicht einen oder zwei Monate warten kann?
Genau deswegen ist es wichtig, dass als Überbrückung rasch Covid-Kredite geöffnet werden. Die Aussage ‘vorsichtig optimistisch’ bezog sich auf den Meccano, dass wir einen Weg finden mit Bund, Kanton und dem Verband. Da sind wir optimistisch. Wie schnell das Geld fliesst, das beschäftigt uns sehr stark und macht uns Sorgen. Wir könnten für einzelne Betriebe zu spät dran sein. Ein Hotelier möchte beispielsweise für die Bemessungsgrundlage noch den Februar mit einbeziehen, das heisst er bekommt das Geld frühestens Mitte oder Ende März. Hier diskutieren wir, ob Vorausbeträge möglich sind, die anschliessend verrechnet werden können. Es wäre dramatisch, wenn ein Betrieb Anrecht auf Gelder hätte, die aber zu spät kommen und der Betrieb Konkurs geht.

Nach einem Coronaausbruch in St. Moritz hat inzwischen das «Badrutt’s Palace», das Flagschiff der St. Moritzer Hotellerie, vorübergehend seine Türen geschlossen und nach einem Ausbruch mit dem mutierten Virus in Arosa wird dort jetzt auch flächendeckend getestet. Die Skigebiete sind aber weiterhin in beiden Orten offen. Kann man als verantwortungsvoller Gastgeber überhaupt noch Gäste begrüssen?
Diese Frage geht in die Richtung der Reputation. Ich glaube, der Hotelier kann sich jetzt bewähren als guter Kommunikator. Am besten bearbeitet er seine Reservierungen am Telefon selber, ist verfügbar und kann so Vertrauen aufbauen. Die totale Garantie kann niemand abgeben, aber die Konzepte und Sicherheitsvorkehrungen sind so, dass man von einer verhältnismässig kleinen Zahl von Ansteckungen ausgehen kann. Ausserdem gewinnen wir mit der vom Kanton unterstützten permanenten Teststrategie die Handlungsfähigkeit wieder zurück. Wir Hoteliers stellten diese Forderung bereits Anfang November am Runden Tisch mit dem Bund. Damals wurden wir noch ausgelacht, es hiess das sei unrealistisch, organisatorisch nicht zu stemmen und zu teuer. Jetzt will man in der ganzen Schweiz solche Massentests durchführen. Für mich ist damit auch ein Reputationsthema verbunden. Je mehr wir handeln, umso mehr können wir Einfluss nehmen auf die Ansteckungszahlen. Das schlimmste ist, wenn ein Hotelangestellter oder ein Gast symptomloser Virusträger ist und davon nichts weiss. Findet man solche Fälle und kann Übertragungsketten unterbrechen, dann fördern wir das Vertrauen. Leider sind wir auch hier wahrscheinlich etwas zu spät dran, denn die Buchungsstände für Februar und März sind alles andere als gut.

Die letzte Sommer- und Herbstsaison war für die Bündner Hoteliers sehr gut, der Winter dafür schlecht. Jetzt sind die ersten Impfungen verfügbar und bis im Sommer sollen möglichst viele Menschen geimpft sein. Wagen Sie eine Prognose, wie die kommende Sommersaison wird?
Obwohl die Impfkampagne noch nicht rund läuft, bin ich überzeugt, dass das eine Frage von ein paar Wochen ist, bis auf Hochtouren geimpft werden kann und ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung geimpft ist. Ich bin ausserdem überzeugt davon, dass die Geimpften dann mehr Freiheiten bekommen und das wird für die Impfrate förderlich sein. Diese Freiheiten und diese Sicherheit sind ganz entscheidend für ein gutes Gefühl bei einem Ferienaufenthalt. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Schweizerinnen und Schweizer, die im letzten Sommer zum ersten Mal die Berge erlebt haben, das noch einmal – allenfalls in einer anderen Destination – geniessen wollen. Ich gehe deshalb von einer guten Sommersaison aus, durchaus vergleichbar mit dem letzten Sommer.