Späne aus der Denkwerkstatt

Welcher Gast darf es denn sein?

Liegt das Zukunftspotenzial für den Bündner Tourismus im asiatischen oder im europäischen Gast? Die Analyse der letzten Jahre zeichnet ein überraschend deutliches Bild.

Von Wirtschaftsforum Graubünden Mi, 19.06.2019

Sie haben es schon tausendmal gehört: Der Frankenschock im Jahr 2015 hat den Bündner Tourismus in eine Krise gestürzt. Doch wussten Sie, dass Graubünden lange vor 2015 stetig aber deutlich Gäste aus dem EU-Raum verlor?

Der Rückgang der europäischen Gäste korreliert mit der Entwertung des Euro. 2007 kostete ein Euro durchschnittlich 1.64 Franken und hatte damals sein Allzeithoch erreicht. Danach kam die stetige aber deutliche Abwertung des Euro, die nur eine Richtung kannte: nach unten. Der 15. Januar 2015 und die Aufhebung des Mindestkurses von 1.20 Franken durch die Nationalbank markierte das Ende dieser Entwicklung. Der Euro hatte zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zu seiner besten Zeit 30 Prozent an Wert eingebüsst. Oder anders ausgedrückt: Ferien in Graubünden waren für Gäste aus dem EU-Raum 50 Prozent teurer geworden!

 

 

Zunächst war die währungsbedingte Verteuerung von Ferien in der Schweiz für Europäer gering. Aber mit zunehmender Entwertung blieben Europagäste mehr und mehr weg. 2011 war der Rückgang erstmals dramatisch – und dieser Trend beschleunigte sich in den Folgejahren noch. 2016 verlor Graubünden fast eine Million Logiernächte bei Gästen aus dem EU-Raum im Vergleich zum Stand von 2005. Die berühmte Talsohle war erreicht. Bei total 4.6 Millionen Logiernächten war dieser starke Rückgang natürlich für alle Leistungsträger in Graubünden äusserst schmerzhaft.

Der Frankenschock hallt auch heute noch nach; der Rückgang der europäischen Gäste konnte bisher in keiner Weise kompensiert werden. Bei den Schweizer Gästen konnte glücklicherweise ein deutliches Plus verzeichnet werden.

Und Hoffnungsschimmer gibt es auch bei den Fernmärkten: Seit Jahren steigt die Anzahl der Logiernächte von Gästen aus den USA, China und dem übrigen Asien wie auch der Golfstaaten stetig an. Gerade der amerikanische Markt ist mit 110'000 Logiernächten momentan der wichtigste Fernmarkt für Graubünden, gefolgt von China mit 53’000 Logiernächten und den Golfstaaten mit 21'000 Logiernächten.

Das Wachstum in den Fernmärkten darf einen positiv stimmen: bei den chinesischen Gästen liegt das Logiernächtewachstum seit 2010 bei 224 Prozent, die Gäste aus den Golfstaaten nahmen in den letzten zehn Jahren um 134 Prozent zu und auch die Übernachtungsgäste aus den USA legten in den letzten acht Jahren um 50 Prozent zu.

Gäste aus den USA, den Golfstaaten, China und Indien zusammen machen aktuell nur gerade 3.8 Prozent der Bündner Logiernächte aus. Im Vergleich: Der Kanton Wallis hat mit 8.6 Prozent mehr als doppelt so viele dieser Gäste wie wir. Und dem Kanton Bern mit einem Anteil von 24.3 Prozent hinken wir erst recht hinterher. 

Ein Blick zurück auf die Eurokrise zeigt: Die grosse Abhängigkeit von Gästen aus dem EU-Raum hat uns enorm getroffen. Ein grösserer Anteil an Gästen aus den verschiedenen Fernmärkten bedeutet eine Diversifizierung, die uns krisenresistenter macht.

Dieser Text nimmt Bezug auf das «Chartset» des Wirtschaftsforums Graubünden, einer Sammlung an volkswirtschaftlichen Daten und Fakten über Graubünden, die zweimal jährlich aktualisiert wird.