So sieht die Bündner Wirtschaft die Lage in Zeiten von Covid-19

«Unternehmer wollen Antworten auf konkrete Fragen»

Vor drei Tagen haben die Dachorganisationen der Wirtschaft Graubünden zusammen mit dem Wirtschaftsforum Graubünden und dem Graubündnerischen Baumeisterverband ihren Bericht zur aktuellen Lage der Bündner Wirtschaft veröffentlicht. Im Gespräch mit «GRimpuls» erläutert der neue Gewerbeverbandsdirektor Maurus Blumenthal, wo die Bündner Wirtschaft der Schuh drückt.

Von René Mehrmann Do, 08.10.2020

Herr Blumenthal, die Bündner Wirtschaft hat gemäss dem von den Dachverbänden der Wirtschaft Graubünden und dem Wirtschaftsforum Graubünden erstellten Bericht zur Covid19-Lage der Bündner Wirtschaft die Covidpandemie bisher gut gemeistert. Was sind die Gründe dafür?
Maurus Blumenthal: Die Umfrage zeigt, dass die Bündner Wirtschaft allgemein gut aufgestellt und widerstandsfähig ist. Sie ist krisenerprobt und wurde bereits durch die Annahme der Zweitwohnungsinitiative oder die Aufhebung des Frankenmindestkurses zum Euro durchgeschüttelt. Dadurch haben bereits Strukturbereinigungen stattgefunden. Ich denke, es führt zu einer gewissen Stärke, wenn man immer wieder mit Krisen wirtschaftlicher Art konfrontiert ist. Das hält eine Volkswirtschaft fit, auch wenn es für einzelne Betriebe um die Existenz geht. Und dann hat uns die ausserordentlich gute Sommersaison im Tourismus geholfen. Aber wir müssen uns schon bewusst sein, dass die wirtschaftlichen Folgen der Covid19-Krise im Moment noch nicht alle sichtbar sind, sowohl auf internationaler, als auch auf nationaler und kantonaler Ebene.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass einzelne Unternehmen in ihrer Existenz gefährdet sind, sollte die Krise noch lange andauern. Gibt es gewisse Branchen, die stärker gefährdet sind als andere?
Es gibt Branchen, die noch immer stark von den staatlich verordneten Einschränkungen betroffen sind wie etwa die Veranstaltungsbranche, aber auch die Reisebranche. Auch wenn diese sich im Sommer teilweise etwas erholen konnten, leiden diese enorm unter den staatlich verordneten Einschränkungen. Die sich ständig verändernden Quarantänelisten des Bundes und anderer Länder sind für die Reise- aber auch für die Tourismusbrache sehr einschränkend. Betroffen sind jedoch auch Unternehmen, die stark exportorientiert sind und deshalb von der Weltwirtschaftslage abhängen. Auch im Tourismus zeigt sich, wie unterschiedlich die Betriebe in einer Branche betroffen sein kann. Ein Hotel in Chur und eines in Lenzerheide stehen zurzeit völlig anders da.

Wie präsentiert sich die aktuelle Lage im Tourismus, einer der wichtigsten Branche im Kanton?
Tessin und Graubünden sind die Kantone, welche touristisch gesehen bisher am besten durch die Krise gekommen sind. Der Stadttourismus und die Destinationen, die sich auf Kongresstourismus oder internationale Gäste fokussieren, bekunden grosse Mühe. Jene Destinationen, die ein grosses Kundensegment bei den Schweizer Gästen oder Gästen aus den direkten Nachbarländern haben, weisen demgegenüber gute Zahlen auf. Das hat auch Auswirkungen auf branchennahe Betriebe wie beispielsweise den Sportdetailhandel, der in gewissen Regionen ebenfalls eine aussergewöhnlich gute Sommersaison hatte.

Jetzt steht die Wintersaison vor der Tür und Corona ist noch nicht verschwunden. Im Sommer war es einfach, die Menschen bewegten sich häufig draussen, im Winter ist man mehr drinnen. Was erwartet die Beherbergungs- und Gastrobranche?
Diese Branche konnte im Sommer schon viele Erfahrungen im Umgang mit den Schutzmassnahmen sammeln und kann diese jetzt im Winter anwenden. Natürlich bewegten sich die Menschen im Sommer viel draussen, das werden sie aber auch im Winter auf den Skipisten, den Langlaufloipen oder bei einer Schneewanderung tun. Auch der Wintertourismus findet im Freien statt und in Graubünden haben wir viel Platz. Wichtig erscheint mir im Hinblick auf allfällige neue Eindämmungsmassnahmen, dass man sich vor allem auf die Hospitalisierungsraten abstützt und nicht nur auf die Fallzahlen. Denn wenn viele Gäste im Kanton sind, werden wahrscheinlich auch die Fallzahlen ansteigen. Für die Tourismusbranchen ist ausserdem wichtig, dass die Schutzkonzepte, die sie eingeführt haben, weitergeführt werden und nicht plötzlich die Regeln geändert werden. Denn die Betriebe und die Gäste haben sich inzwischen an die Schutzkonzepte gewöhnt. Es verunsichert die Gastgeber und Gäste nur, wenn die Regeln dauernd angepasst werden und es schränkt die Planung der Unternehmen ein.

Die Wirtschaft fordert immer wieder Planungssicherheit und betont diese Frage stark. Aber wie viel Planungssicherheit ist nötig und möglich in einer solch volatilen Lage, in der immer irgendwo ein Hotspot auftreten kann?
Planungssicherheit hat auch damit zu tun, dass ein gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist zwischen der Wirtschaft und den Behörden, welche die Entscheidungen treffen. Wir plädieren dafür, dass die Behörden nur die wirklich notwendigen staatlichen Einschränkungen verordnen, die zudem auch zweckmässig und verhältnismässig sein müssen. Letztlich geht es um die Eigenverantwortung der Unternehmer und sie wissen am besten, wie sie vorzugehen haben, um ihren Betrieb und ihre Gäste zu schützen. Die Regeln sind einfach: eineinhalb Meter Abstand, nicht länger als 15 Minuten. Wenn das nicht möglich ist, wird eine Maske empfohlen. Wie man diese Grundregeln umsetzt, muss aber dem Unternehmer und den Branchen überlassen werden. Diese brauchen keine weiteren behördlichen Anweisungen.

Was brauchen denn die Unternehmer konkret?
Was die Unternehmer brauchen sind Antworten zu konkreten Fragen aus ihrem Betriebsalltag. Es gilt auch in der vorliegenden Situation: Beratungen und Empfehlungen bringen mehr als Vorgaben und detaillierte Regelungen. Gerade in der jetzigen Situation braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden und Wirtschaft. Diese Zusammenarbeit hat sich im Kanton Graubünden bewährt, wie die vergangenen Monate gezeigt haben. Man kann durchaus sagen, dass der Kanton Graubünden bisher mit seinem pragmatischen Weg einigermassen gut durch die Krise gekommen ist.

Die Bündner Wirtschaft hat für die Zukunft auch eine ganz klare Forderung an die staatlichen Stellen formuliert. Ein Shutdown wie im Frühling soll es nicht mehr geben, auch keinen partiellen Shutdown. Ist eine solche Forderung überhaupt durchsetzbar, wenn es in einem Gebiet oder in einem Betrieb einen massiven Anstieg der Fallzahlen geben sollte?
Grundsätzlich sind die Behörden für diese Entscheide zuständig. Sie haben dabei eine fundierte Güterabwägung durchzuführen. Wir platzieren als Ansprechpartner von Seiten der Wirtschaft unsere Forderungen. Unsere Umfrage hat nämlich gezeigt, dass der einmalige Lockdown im Frühling der Wirtschaft nicht ganz so stark wie befürchtet geschadet hat. Aber einen zweiten Lockdown würden Teile der Wirtschaft nicht verkraften. Ausserdem stellen sich bei einem partiellen oder regional abgegrenzten Lockdown Fragen, wie dann mit wirtschaftlichen Unterstützungsmassnahmen umgegangen wird. Wer hat dann Anrecht auf welche Massnahmen und wer nicht? Das Problem zeigte sich ja bereits beim Shutdown im Frühling. Die Detailhändler mussten teilweise schliessen, die Grossverteiler konnten ihre Läden aber offenhalten. Sobald man also staatliche Einschränkungen macht, sind diese immer mit Ungerechtigkeiten verbunden.

Was schlagen Sie vor?
Die staatlichen Regulierungen und Einschränkungen sollten daher so tief, wie dies aus gesundheitspolitischer Sicht zu verantworten ist, gehalten werden. Zudem müssen auch die aktuellen staatlichen Einschränkungen kritisch überprüft werden. Zu schaffen macht vor allem die Quarantänepflicht bis zum Vorliegen der Testergebnisse im Hinblick auf die winterliche Erkältungssaison. Volkswirtschaftlich besteht hier durchaus erhebliches Schadenspotenzial durch verloren gegangene Arbeitstage.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie die Bündner Wirtschaft in einem Jahr?
Das ist sehr schwierig zu beurteilen. denn es gibt sehr viele Unbekannte. Es gilt die Gesundheit im Allgemeinen, den Wohlstand und die Wirtschaftsfreiheit gleichzeitig zu schützen und sich nicht von einzelnen punktuellen Ereignissen zu fest leiten zu lassen. Wenn wir die Eigenverantwortung der Unternehmen, aber auch der Bürgerinnen und Bürger in den Vordergrund stellen, dann haben wir sicher eine gute Ausgangslage, egal wie sich die Krise entwickelt. Für den Kanton Graubünden ist der Tourismus sehr wichtig und diese Branche wird in den nächsten Monaten stark gefordert sein. Aber sie hat im Sommer bereits bewiesen, dass dies gelingen kann und die Bündner Wirtschaft neue Chancen zu nutzen weiss.