Graubünden möchte sich auf der Startup-Landkarte einen Platz erobern.

«Noch ist das Startup-Business ein Zentrums-Business»

In der Schweiz nehmen die Investitionen in Startup-Unternehmen in den vergangenen Jahren stetig zu. Ja, man kann fast schon von einem Boom sprechen. In Graubünden ist von dieser Entwicklung derweil noch wenig zu spüren. Doch was nicht ist, kann und soll noch werden.

Von Franco Brunner Mo, 09.05.2022

Es sind erfreuliche Zahlen, die im Swiss Venture Capital Report – der jährlichen Zusammenstellung über Investitionen in Schweizer Startups der Plattform startupticker.ch – zu lesen sind. Demnach wurden zwischen 2020 und 2021 hierzulande über 3 Milliarden Franken in neu gegründete Firmen investiert. Am investitionsfreudigsten war man dabei mit 1,3 Milliarden Franken in Zürich, gefolgt vom Kanton Waadt mit über 600 Millionen und Basel mit immerhin auch noch knapp 340 Millionen Franken. 

Für den Kanton Graubünden wird im Report keine Zahl genannt, er wird nicht einmal erwähnt. Weshalb das so ist, ob Graubünden im Bereich der Startup-Investitionen und Startup-Gründungen tatsächlich ein weisser Fleck auf der nationalen Landkarte ist und was man allenfalls dagegen unternehmen könnte, erläutern Elia Lardi, Geschäftsführer der Handelskammer und Arbeitgeberverband Graubünden, sowie Eugen Arpagaus, Geschäftsführer des Technoparks Graubünden in Landquart, im Interview.

 

Meine Herren, aktuell scheint die Schweiz ein gutes Pflaster für Startup-Gründungen zu sein. Zumindest stieg das investierte Kapital in Startups hierzulande zwischen 2020 und 2021 um über 40 Prozent auf insgesamt 3,05 Milliarden Franken. Wo sehen Sie die Gründe für diesen Boom?

Eugen Arpagaus: Es spielen sicherlich mehrere Faktoren eine Rolle in dieser für die Schweiz tatsächlich freudigen Entwicklung. Zuallererst einmal ist es schlicht und einfach so, dass derzeit genügend Kapital am Markt ist. Gewisse Bereiche, insbesondere Technologie-Unternehmungen, haben in jüngster Zeit unglaubliche Performances an den Tag legen können, auch durch IPO‘s. Dies motiviert dazu, in diese Bereiche zu investieren. Als zweiter Punkt ist in den vergangenen Jahren bestimmt auch wieder die Überzeugung gereift, dass technologische Innovationen für den Werkplatz Schweiz entscheidend sind, was wiederum ganz grundsätzlich zu mehr Firmengründungen in diesem Bereich führt. Diverse Bereiche der Technologie, ins. Biotech, Fintech, Medtech, etc. haben schlichtweg an Attraktivität gewonnen, was mehr Player, mehr Unterstützungsprogramme und schlussendlich eben auch mehr Investoren auf den Plan ruft. 

Elia Lardi: Genau in diesen Technologie-Bereichen können auch wir hier in Graubünden mit etablierten Unternehmungen und sehr viel Knowhow aufwarten. Von Fläsch bis Bonaduz arbeiten nicht weniger als 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diversen Technologie-Bereichen. Auf dieser Basis aufbauend sind wertvolle Vernetzungen und damit auch neue Wege zur Stärkung der Startup-Szene möglich. Ich bin überzeigt, dass im Startup Umfeld das Potential bei weitem nicht ausgeschöpft ist, die Umsetzung aber Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen wird und auch die entsprechenden Fachkräfte benötigt werden.

 

Auffallend ist, dass rund 86 Prozent der Startup-Investitionsgelder aus dem Ausland kommen. Spricht das nun für die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Schweiz gegenüber dem Ausland oder eher für fehlenden Glauben oder fehlende Möglichkeiten seitens potentieller einheimischer Investoren?

Arpagaus: Auch in Graubünden werden Startups durch einheimische Investoren unterstützt. Es braucht aber auch überzeugende Produktideen und Geschäftsmodelle, damit investiert wird. Sicherlich ist es anzustreben, dass hier noch mehr Dynamik entstehen wird. Wenn man die im Swiss Venture Capital Report dargelegten Finanzierungsrunden zur Gesamtsumme von diesen 3 Milliarden Franken etwas genauer betrachtet, fällt auf, dass durchschnittlich knapp 8,6 Millionen Franken pro Startup investiert wurde. Es handelt sich also in der Regel um relativ grosse Beträge. Es gibt sogar einzelne Startups, die gleich mit mehreren 100 Millionen Franken gefördert werden. Dabei handelt es sich vornehmlich um Startups im pharmazeutischen und medizinischen Bereich, die bereits mit einem Personalbestand von 30, 40 oder gar 50 Angestellten beginnen. Für solche Unternehmensgründungen ist die Schweiz natürlich per se ein sehr gutes Pflaster, da wir über eine äussert kompetitive Pharma- und Medtech-Branche verfügen. Da es sich dabei aber eben jeweils um relativ grosse Investitionssummen handelt, sind da auch in der Regel grössere, finanzkräftige Investoren aus dem Ausland involviert. 

Lardi: Damit investiert wird braucht es gute Geschäftsmodelle und diese basieren auf Innovationen. Wir, also die gesamte Schweiz, müssen uns in Sachen Wirtschaftsstandort auch in Zukunft auf unser Stärken konzentrieren. Will heissen, wir müssen auch weiterhin unsere Innovationskraft stärken, in das spezifisches Fachwissen in den Unternehmungen investieren, und   vor allem an den verschiedenen Schulen, Uni’s und ETH’s Voraussetzungenschaffen, damit Innovationen ausgelöst werden die u.a. über Startups die Wirtschaftskraft der Schweiz, aber auch Graubündens stärken. Um Startups hervorzubringen kommt in Graubünden den Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen eine zentrale Rolle zu. Diese müssen auch künftig in der Lage sein, national wettbewerbsfähige Aus- und Weiterbildungen anzubieten und mit den ansässigen Unternehmen einen ausgeprägten Wissen- und Technologietransfer zu pflegen. Dies wir umso wichtiger, da mit den geplanten OECD Steuerform das klassische Ansiedlungsgeschäft deutlich erschwert werden könnte.

Ein Hub für Startups: der Technopark in Landquart. (Bild Archiv SO)

Aktuell scheint dieses Potential aber noch nicht so wirklich genutzt zu werden. So fliesst gemäss dem Swiss Venture Capital Report der Grossteil der rund 3 Milliarden Franken an Investitionsgelder hauptsächlich in Kantone wie Zürich, Waadt und Basel. Graubünden existiert auf dieser Liste nicht einmal. Weshalb nicht?

Arpagaus: Noch ist das Startup-Business tendenziell ein Zentrums-Business. Es entwickelt sich viel rund um die die ETH’s und die Uni’s. Da haben wir hier in Graubünden doch eine etwas andere Ausgangslage. Unser Ansatz muss es aktuell sein, erstmal überhaupt auf die Startup-Landkarte der Schweiz zu kommen und nicht mehr als weisser Fleck wahrgenommen respektive eben nicht wahrgenommen zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen gewisse Vorleistungen erbracht werden.

Die da wären?

Lardi: Wir müssen vermehrt Kooperationen nutzen und uns untereinander besser vernetzen. Dabei ist es ganz besonders wichtig, dass alle Beteiligten, die Unternehmer, die Bildungsstätten die Forschung und nicht zuletzt natürlich auch die Verwaltung, gemeinsam an einem Strick ziehen. Startups brauchen Know-How und finanzielle Mittel. In Graubünden stellen diverse Unternehmungen mit In-Kind Leistungen grosszügig Wissen zur Verfügung und es existieren verschiedene Förderprogramme und Finanzierungsquellen. Wenn Graubünden auf der nationalen Landkarte der Startup-Regionen in Zukunft ernsthaft wahrgenommen werden will, dann geht das nur gemeinsamund nicht jeder einsam.

Arpagaus: Und genau wenn es darum geht, ebensolche Kooperationen einzugehen und Vernetzungsmöglichkeiten anzubieten, sind Institutionen wie beispielsweise der Technopark Graubünden, der InnHub, Löwenberg, das Pioniernest und in Zukunft auch der InnQube von grosser Bedeutung. Wir arbeiten daran, dass wir aus Graubündenheraus eine gemeinsame Stimme entwickeln und erhalten, die auch national wahrgenommen wird. Da muss man in Zukunft noch intensiver in eigener Sache werben und mit einer ETH, verschiedenen Unis oder den diversen Fachhochschulen noch enger zusammenarbeiten und sich noch mehr und gezielter austauschen. 

 Wer wäre denn jetzt in erster Linie gefragt?

Lardi: Graubünden hat rund 200’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das heisst, das Startup-Business ist per se schon eher überschaubar. Deshalb ist es wichtig, dass alle Involvierten die Initiative ergreifen und das Gesamtbild so gestalten, dass auch gegen Aussen ein Mehrwert entsteht, der auch tatsächlich von den Startups und Investoren wahrgenommen wird. Es muss uns gelingen, gestärkt aufzutreten und das Angebot noch attraktiver zu gestalten – es braucht ein Startup-Ökosystem.

 Und was heisst das nun für den Technopark Graubünden, Herr Arpagaus? Was können Sie hier konkret tun, um ebendieses Gesamtbild, von dem Herr Lardi spricht, für Graubünden positiv mitzugestalten?

Arpagaus: Wir arbeiten in drei Kreisen. Im ersten Kreis geht es darum, dass die Startups sich im Technopark wohl fühlen, die Infrastruktur stimmt, einfach gerne im Technopark arbeiten wollen. Im zweiten Kreis wollen wir den Startups Partnerschaften anbieten, die diese unterstützen, insb. die In-Kind Partner (Unternehmungen wie; Hamilton, Trumpf, Cedes, Intergra Biosiences, Gritec, etc.) die mit Know How den Startups zur Seite stehen. Der dritte Kreis beinhaltet Massnahmen zur nationalen Vernetzung um Startups für Graubünden zu motivieren, resp. um die positive Wahrnehmung der Möglichkeiten am Standort Graubünden zu erhöhen. Dies in dem Umfeld aus dem auch Startup auch entstehen, namentlich im Umfeld der FH’s, UNI’s, der Forschungsinstitutionen, etc., aber auch die verschiedenen Investoren-Netzwerke spielen hier eine wichtige Rolle. Dieser dritte Kreis kann mittels einer engen und koordinierten Zusammenarbeit, basierend auf einer gemeinsamen Zielsetzung, mit den weiteren regionalen Initiativen wie InnHub, Löwenberg surselva impact lab, Pioniernest, Jungunternehmerforum, der Fachhochschule Graubünden wesentlich dazu beitragen, die positive Wahrnehmung als Standort für Startups zu stärken. Diese Vernetzungen und Zusammenarbeit bilden einen Teil des Startup Öko-Systems Graubünden. 

Lardi: Graubünden hat als Wirtschafts- und somit auch als Startup-Standort enorm Potential. Insofern sind die Chancen und Voraussetzungen sehr wohl vorhanden, dass in naher Zukunft aus einem der Bündner Startup-Zentrenbald wieder einmal so etwas wie eine Oblamatik 2 oder eine Integra Biosiences 2 entstehen könnte.

 Wurde in den vergangenen Jahren denn schlichtweg zu wenig getan, um dieses Potential möglichst optimal auszunutzen? Allenfalls auch von Seiten der Bündner Regierung?

Lardi: Ich denke nicht, dass die Bündner Regierung in den vergangenen Jahren zu wenig getan oder etwas verschlafen hat. Schliesslich wurde mit der letzten Gesetzesrevision eine gute und pragmatische Grundlage geschaffen, mit der Startups gefördert werden können. Man hat also durchaus erkannt, dass der Startup-Markt überein grosses Zukunftspotential verfügt. Nun gilt es aber die Chance zu nutzen, damit wir hier in Graubünden den Anschluss am Ende dann nicht doch noch verpassen. Und ja, vielleicht dürfte man allgemein etwas mutiger, überzeugter und selbstsicherer sein und noch stärker in den Startup-Standort Graubünden glauben.

Arpagaus: Die Startup-Kultur in Graubünden ist ganz allgemein sicherlich noch nicht so ausgeprägt, wie das in anderen Kantonen der Schweiz der Fall ist. Deshalb gilt es, den Nährboden erstmal so herzurichten, dass auf ihm diese Kultur überhaupt erst heranwachsen kann. Wenn uns das gelingt, wird Graubünden ganz bestimmt auch zu einem eigentlichen Startup-Standort, denn das Potential dazu ist ohne Zweifel vorhanden.

Wo genau liegt denn dieses so oft zitierte Potential? Oder anders gefragt, weshalb würden Sie einem Jungunternehmer empfehlen, sein Startup ausgerechnet hier in Graubünden zu gründen?

Arpagaus: Es geht nicht darum, den Standort Graubünden als solchen zu verkaufen. Ich meine es ist wichtige, individuell den Startups aufzuzeigen wie wir ihn unterstützen können um mit seinem Unternehmen Erfolg zu haben.Wir bieten ihm eine tolle Infrastruktur im Technopark, eine sehr gute ÖV-Erschliessung, eine breite Wissensbasis in Kooperation mit etablierten Unternehmungen, etc., aber auch ein tolles Umfeld in einer wunderbaren Natur mit herausragenden Freizeitmöglichkeiten. Hinzu kommen diverse, unter anderem auch kantonale Förderinstrumente sowie Förderangebote wie sie eben in einem Technopark Graubünden und all den anderen Startup-Zentren im Kanton zu finden sind. Das Potential ist vorhanden, der Aufbau jedoch zeit- und ressourcenaufwendig und wirdJahre in Anspruch nehmen.