Späne aus der Denkwerkstatt

Inspirationen für ein bergdorffreundliches Steuersystem

Die junge Generation wandert aus den Bündner Dörfern ab, dafür kommen gut ausgebildete Zweitwohnungsbesitzer für die Freizeit in die Bündner Berge. Das ist schön. Doch ein Problem bleibt den Gemeinden: Sie müssen eine im Verhältnis zu den Einwohnern überdimensionierte Infrastruktur finanzieren. Wie das Dilemma von abnehmenden Steuereinnahmen und steigenden Infrastrukturkosten gelöst werden kann, zeigt ein Beispiel aus dem Ausland.

Von Wirtschaftsforum Graubünden Mi, 25.09.2019

Wenn 20 Prozent Einheimische die Infrastruktur für 80 Prozent Zweitheimische über ihre Steuern mitfinanzieren müssen, dann wird es schwierig. Dieses exemplarische Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern für viele Berggemeinden Realität.

Junge Menschen zieht es aus den Bündner Tälern in die urbanen Regionen der Schweiz. Das bedeutet für die Gemeinden nicht nur, dass Zukunftspotenzial verloren geht, sondern auch Steuersubstrat. Die Kosten lassen sich nicht im Gleichschritt mit der Abnahme der arbeitenden Bevölkerung reduzieren – im Gegenteil.

Der hohe Anteil an Zweitwohnungen macht eine in Relation zu den Einwohnern überdimensionierte Infrastruktur notwendig. Diese muss durch eine immer kleinere Dorfgemeinschaft finanziert und unterhalten werden. Viele Berggemeinden erkennen deshalb heute, dass sie bald an ihre Grenzen stossen und die hohen Ansprüche an die Infrastruktur künftig kaum erfüllbar sind.

Der Blick ins Ausland zeigt einen möglichen Weg aus dem Dilemma. Die US-Bevölkerung war schon immer mobiler als jene in Europa und ist uns daher punkto Steuersystem ein wenig voraus.

Es hat sich dort ein Steuersystem für die lokale Ebene etabliert, das weniger auf Einkommen basiert als auf dem Liegenschaftsbestand vor Ort. Das hat den Vorteil, dass die Gemeinden von den temporären Miteinwohnern finanziell stärker profitieren können.

In der Schweiz wird mit der Liegenschaftssteuer auch in vielen Gemeinden eine ortsgebundene Steuer erhoben. Diese ist in Graubünden gesetzlich auf maximal zwei Promille des Liegenschaftswertes beschränkt und damit sehr gering im Vergleich zu den übrigen Steuern.

Vergleich der Steuersysteme Schweiz und USA aufgrund der Steuereinnahmen im Jahr 2007 für die Gemeinden Davos und Aspen

Quelle: Wirtschaftsforum Graubünden / Geschäftsberichte der entsprechenden Institutionen.

 

Eine Anpassung des Steuersystems in Richtung des amerikanischen Systems mit einer stärkeren Gewichtung der Liegenschaftssteuer wäre für Graubünden eine grosse Chance. Wenn es gelingt, nur schon einen Schritt in diese Richtung zu gehen, werden die Zukunftsperspektiven für die Gemeinden des Bündner Berggebiets deutlich besser ausfallen. Sie könnten nicht nur ihre finanzielle Lage verbessern, sondern hätten auch etwas Spielraum, um ihre Steuerattraktivität für Einwohner und Unternehmen zu verbessern.