Der Präsident des Tourismusrats Graubünden zieht Bilanz

«Ich wünsche mir mehr Mut»

Noch ist der Bündner Tourismus nicht dort angelangt, wo ihn der Tourismusrat gerne hätte. Tourismusrat-Präsident Ernst A. Brugger sagt ihm Interview mit GRimpuls, was bisher erreicht wurde und wo er noch Handlungsbedarf sieht.

Von René Mehrmann Di, 04.12.2018

Herr Brugger, vor einem Jahr hat der Tourismusrat Graubünden das Weissbuch für den Bündner Tourismus lanciert und zieht jetzt eine erste positive Zwischenbilanz. Gleichzeitig sagt der Tourismusrat, es gebe noch Luft nach oben. Was läuft gut und wo gibt es diese Luft nach oben noch im Bündner Tourismus?
Ernst A. Brugger: Die Basis für unsere Einschätzung sind die Diskussionen, die wir in acht Destinationen führten. Diese Diskussionen waren geprägt von einer grossen Offenheit. Man ist sich der Problemstellungen bewusst und man anerkennt, dass es Potenzial im Tourismus gibt, das man noch nicht oder noch zu wenig entwickelt hat. Es ist den Verantwortlichen im Tourismus auch bewusst, dass eine Verbesserung nur durch eigenes Engagement erreicht werden kann. Insofern hat der Weckruf, den wir mit dem Weissbuch ausgesandt haben, Wirkung gezeigt. Was noch nicht zufriedenstellend ist, ist die konkrete Projektebene. Obwohl es schon besser geworden ist, haben wir immer noch zu wenig gute Projekteingaben. Wir warten da gespannt auf weitere Projektvorschläge.

An was liegt es, dass Sie noch zu wenig Projekteingaben und Fördergesuche bekommen? Fehlt es den Bündner Touristikern an kreativen Ideen?
Man darf nicht verallgemeinern, aber ich denke, es fehlt teilweise am unternehmerischen Mut, der auch eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzt, damit man etwas Neues versucht, etwas verändern will oder in einem grösseren Massstab anpackt. Ich wünsche mir mehr Mut, Risikobereitschaft und unternehmerisches Engagement. Natürlich gibt es auch in Graubünden mutige Unternehmer, aber zusätzliche unternehmerische Initiativen würden gut tun. Ausserdem denkt man in Graubünden oft noch zu kleinräumig. Man denkt an das eigene Tal oder in der eigenen Kleinregion, dabei gäbe es viele Möglichkeiten, mit einer Zusammenarbeit über die Region hinaus und auch branchenübergreifend markantere Projekte anzupacken.

Sind Sie zuversichtlich, dass diese grossräumigere Zusammenarbeit irgendwann auch umgesetzt wird?
Man kann natürlich nicht einfach einen Schalter kippen und dann ist alles anders. Das ist ein Prozess, der sich über Jahre entwickeln muss. Deshalb haben wir im Weissbuch auch explizit auf dieses Problem hingewiesen und Projekte, die grossräumig gedacht sind – und diese gibt es auch – werden von uns vorrangig unterstützt.

Welches der Projekte, die der Tourismusrat im ersten Jahr gefördert hat, würden Sie als Vorzeigebeispiel, als Leuchtturmprojekt nennen?
Neben den sechs Projekten, die wir im Weissbuch erwähnt haben, möchte ich vor allem ein weiteres herausstreichen. Unter der Federführung von Hotelleriesuisse Graubünden hat sich ein Kreis von Hotels zusammengeschlossen, um ganz bestimmte Zielmärkte gemeinsam zu bearbeiten. Das finden wir einen sehr interessanten Ansatz, weil es eben nicht nur eine Region betrifft, sondern weil ein touristischer Vektor – in diesem Fall die Hotelbranche – sich aufgerafft hat, dazu ein wirtschaftlich wichtiges Projekt auf die Beine zu stellen. Das ist auch ein gutes Beispiel für die unternehmerische Dynamik, die wir uns wünschen. Es ist ja nie so, dass immer alle Betroffenen mitmachen, wenn man in eine neue Richtung geht. Es braucht immer eine Pioniergruppe, die ein Projekt vorantreibt und andere können dann in einem späteren Zeitpunkt dazu stossen.

Die sechs im Weissbuch beschriebenen Projektinitiativen:

  • Landwasserviadukt – Wahrzeichen Graubündens
  • graubündenVIVA – Alpine Genusskultur
  • Bikemekka Graubünden – Trendsport
  • Effektives Hotelmarketing – gemeinsames Marketing von Hotels, Destinationen und Graubünden Ferien
  • Engadin Arena – Freiluft-Ausdauersportanlage mit polysportivem Charakter
  • Digital Road Map – Nutzung der Digitalisierung entlang der ganzen Wertschöpfungskette im Tourismus

 

Im Weissbuch heisst es auch, dass die heutige Tourismusfinanzierung nicht mehr zeitgemäss sei. Dieses Thema wurde aber noch nicht angegangen im vergangenen Jahr. Täuscht dieser Eindruck?
Die Tourismusfinanzierung in Graubünden ist ja nicht schlecht dotiert und läuft vor allem über die Destinationen und Graubünden Ferien. Das ist grundsätzlich nicht schlecht und sowohl GRF als auch die meisten Destinationen leisten gute Arbeit. Der Tourismusrat ist aber zum Schluss gekommen, dass man sich die Finanzierung und ihre Wirkung neu überlegen sollte. Wie das Beispiel der Hoteliers zeigt, müsste man darüber nachdenken, ob man nicht den Schwerpunkt vermehrt auf themenübergreifende Projekte legen und die Gelder entsprechend einsetzen müsste. Ich weiss natürlich, dass diese Diskussion innerhalb des Kantons immer wieder aufkommt. Aber es ist nicht in der Verantwortung des Tourismusrats, den Verantwortlichen zu sagen, wie die Finanzierung geregelt werden soll. Wir können aber zumindest anregen, dass man diese Frage im Hinblick auf eine möglichst grosse Wirkung des Geldeinsatztes ernsthaft anpackt.

In einem Jahr werden Sie eine zweite Zwischenbilanz zum Weissbuch für den Bündner Tourismus ziehen können. Was erhoffen Sie sich bis dann?
Wir erhoffen uns natürlich, dass es, neben den sechs im Weissbuch genannten Projekten und weiteren geförderten Vorhaben, markant mehr Projekte gibt. Mindestens eine gute Handvoll weitere bedeutende Projekte müssten es schon sein. Diese Hoffnung ist nicht unbegründet, denn es gibt Bewegung in der ganzen Branche. Wir nehmen ausserdem auch an, dass zum Thema Digitalisierung viel passieren wird. Mit der «Digital Road Map» wird der Tourismusrat hier die Grundlagen dazu liefern.

Der Tourismusrat: Impulsgeber für Branche und Politik

Der Tourismusrat berät Regierung und touristische Akteure in strategischen Themen, insbesondere in der weiteren Entwicklung der Destinationen. Dem Tourismusrat gehören an:

  • Prof. Dr. Ernst A. Brugger, Präsident Tourismusrat, Zürich
  • Prof. Dr. Antonia Albani, Universität St. Gallen, Institut für Wirtschaftsinformatik, Administrative Leiterin Master in Business Innovation, Berg (Deutschland)
  • Marcus Bernhardt, Europcar International, Mitglied der Konzernleitung/Direktor Geschäftsentwicklung, Versailles (Frankreich)
  • Martin Candrian, VR-Präsident Candrian Catering AG, Zürich
  • Dr. Jon Domenic Parolini, Regierungsrat, Department für Volkswirtschaft und Soziales Graubünden
  • Jeannine Pilloud, SBB Delegierte für öV-Branchenentwicklung, Bern
  • Rolf Schafroth, Unternehmensberater, ehemals Konzernleitung Kuoni Group, Gachnang
  • Jürg Schmid, Präsident Graubünden Ferien
  • Hansjörg Trachsel, Alt-Regierungsrat, Celerina
  • Alois Zwinggi, Member of the Managing Board World Economic Forum, Cologny