Späne aus der Denkwerkstatt

Hinter dem Mond links

«Arbeiten wo andere Ferien machen» klingt nach sonnigen Skitagen und erholsamen Wanderungen in der ruhigen Bergwelt. Arbeitnehmende müssten eigentlich Schlange stehen. Wir machen den Realitätscheck.

Von Wirtschaftsforum Graubünden

Montagmorgen, 7.06 Uhr. Kevin besteigt in Uster die S-Bahn nach Zürich. In der nächsten halben Stunde hätte er noch vier weitere Verbindungen, doch diesmal schafft er den früheren Zug. In 14 Minuten erreicht er bereits den Hauptbahnhof Zürich. 7.20 Uhr, sein Arbeitstag kann beginnen.

Montagmoren, 6.44 Uhr. Ladina besteigt den Zug in Rhäzüns Richtung Chur. Dieser ist ein paar Minuten verspätet. Der Adrenalinpegel steigt, denn ihren Anschluss in Chur zu verpassen bedeutet zu spät ins Büro zu kommen. Ein Spurt übers Perron – geschafft! Nach einer Stunde und 39 Minuten erreicht sie Zürich. 8.23 Uhr, ihr Arbeitstag kann endlich beginnen. 

Menschen wie Ladina treffen in Graubünden auf wenige Karrieremöglichkeiten. Sie finden diese aber im nächst gelegenen Zentrum im Grossraum Zürich vor. Dafür müssen sie lange Pendelzeiten in Kauf nehmen. Das Beispiel illustriert, dass die Attraktivität von Gemeinden und Regionen als Wohn- und Arbeitsort stark von der Nähe zu Zentren beziehungsweise von der verkehrstechnischen Erreichbarkeit beeinflusst werden. Die gut erschlossenen Zentren – und nicht die alpinen Regionen – sind für viele Schweizerinnen und Schweizer die erste Wahl für den Lebensmittelpunkt. Ähnliches gilt für Unternehmen: Sie bevorzugen für ihre Standorte die Cluster in den Zentren, in denen sie qualifizierte Arbeitskräfte vorfinden. Wie die unten stehende Abbildung zeigt, gibt es punkto verkehrstechnischer Erschliessung der Regionen und ihrer Anbindung an die Zentren grosse Unterschiede.

Zeitbedarf für die Autofahrt in die Städte Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne und Lugano. (Quelle: Darstellung Wirtschaftsforum Graubünden auf Basis von Daten des Bundesamts für Statistik)

 

Das weiss eingefärbte Gebiet auf der Karte zeigt die am schlechtesten mit den Metropolitanräumen verbundenen Regionen, von denen aus man per Auto eine Stunde oder mehr benötigt, um in die nächst gelegenen Zentren zu gelangen. Sie liegen damit ausserhalb der üblichen Pendlerdistanz. 

Graubünden schneidet schlecht ab

Die Anbindung des Kantons Graubünden an die Metropolitanräume ist besonders schlecht – auch im Vergleich zu anderen Bergkantonen – und die Fläche des Kantons Graubünden macht ungefähr die Hälfte dieses «verkehrstechnisch benachteiligten Alpenraums» der gesamten Schweiz aus. Es ist zudem fast der ganze Kanton betroffen. Einzig aus dem Raum Landquart ist Zürich mit dem Auto oder dem Zug in 60 Minuten erreichbar und aus dem Misox kann Lugano in weniger als 60 Minuten erreicht werden. 

Damit nicht auch bald Ladina Richtung Zürich wegzieht, muss die Erreichbarkeit der Metropolitanräume von Graubünden aus weiter verbessert werden. Bis dahin ist Graubünden im Vergleich zu anderen Kantonen gefordert, überdurchschnittliches in der Standortförderung zu leisten, um den Standortnachteil wett zu machen.

Dieser Text basiert auf dem Bericht «Alptraum» des Wirtschaftsforums Graubünden, welcher kostenlos unter unterstehendem Link heruntergeladen werden kann.