Blickwinkel Demografie: Ursache oder Effekt des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels in Graubünden.

Graubünden mit kleinem Bevölkerungswachstum 2021

Die provisorische Bevölkerungsstatistik 2021 weist für Graubünden ein Bevölkerungswachstum von 1246 Personen aus. Doch was bedeutet diese Zahl bei näherer Betrachtung? Welche Trends und Wirkungen stecken dahinter und wie nachhaltig ist dieses Bevölkerungswachstum in der langfristigen Perspektive?

Von Luzius Stricker | Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden Di, 12.04.2022

Die absolute Veränderung der Wohnbevölkerung ergibt sich als Summe der natürlichen Bevölkerungsbewegung und der Migrationstrends im Betrachtungsraum. Ersteres setzt dabei die Anzahl Geburten mit den registrierten Todesfällen ins Verhältnis. Die Migrationsbilanz hingegen zählt die absolute Zu- und Abwanderung ins Ausland, aber auch von und in die übrigen Kantone der Schweiz. Obwohl diese Trends schliesslich in der Summe die absolute Veränderung der Bevölkerungszahl ergeben, wirken sie verschieden auf die demografische Zusammensetzung der Bündner Bevölkerung, so haben sie Einfluss auf die Altersstruktur, Ausländeranteil, Sprachgebrauch, Religionszugehörigkeit und so weiter und so fort.

Höchststand bei den Geburten in der Schweiz – Und in Graubünden?

Die jüngsten Schlagzeilen aus dem Bundesamt für Statistik lassen den Geburtenjahrgang 2021 als stärksten seit fast fünf Jahrzehnten in die Schweizer Statistikbücher eingehen. Ein Trend der im gleichen Zeitraum für Graubünden nicht in dieser Form wahrnehmbar war. Im letzten Jahr standen im Bergkanton 1788 Lebendgeburten 1823 Todesfällen gegenüber, wodurch sich der negative Geburtenüberschuss der vorhergehenden Jahre fortsetzte.

natürliche Bevölkerungsbewegung in Graubünden

 

Schlüsselt man die Bündner Lebendgeburten zusätzlich nach deren Nationalität auf, dann ergibt sich ein zweiseitig differenziertes Bild. Die Geburten der Schweizer ständigen Wohnbevölkerung sind nach den Tiefstständen 2019 und 2020 im letzten Berichtsjahr wieder gestiegen. Die Geburten in Graubünden mit ausländischer Staatsangehörigkeit hingegen sind tendenziell leicht rückläufig.

Lebendgeburten in Graubünden nach Nationalität

 

Wechselwirkung zwischen Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungsstruktur

In der Ursachenforschung zu den jüngsten Tendenzen aus der Bevölkerungsbilanz in Graubünden spielt wohl auch die Coronapandemie eine direkte und indirekte Rolle unter den kurzfristigen Effekten. Bei den direkt wahrnehmbaren Einflüssen rückt in dieser Betrachtungsweise die Übersterblichkeit in den Vordergrund. Indirekt beeinflusste die Pandemie zudem die Migrationsströme von und nach Graubünden.

Die Einwanderung aus dem Ausland fiel so im 2021 beispielsweise geringer als in den Vorjahren aus. Gegensätzlich dazu stiegen die interkantonalen Zuzüge an, was nicht ohne Konsequenzen für die abgebildete Altersstruktur der Bündner Bevölkerung bleibt; sind doch häufig die interkantonalen Migranten fortgeschrittenen Alters, die abwandernden Bündnerinnen und Bündner tendenziell jünger.

Die Bevölkerungsstruktur in Kombination mit deren Entwicklung bildet die Basis für die mittelfristigen und wahrnehmbaren Trends der natürlichen Bevölkerungsbewegung. Letztendlich nehmen wir aktuell auch die drittrangigen Ausläufer des Babybooms der Nachkriegszeit war. So sind heute die Kinder dieser, in der ständigen schweizerischen Wohnbevölkerung Graubündens am stärksten vertretenen Jahrgänge von Ende fünfziger und Anfang der sechziger Jahre zwischen 25 und 35 Jahre alt.

Statistisch gesehen ist die Geburtenhäufigkeit der Mütter und Väter im Alter von 30-35 Jahren am höchsten. Gleich einer sich allmählich abflachenden Welle wirken sich schliesslich diese Ausläufer der Generation Babyboomer auf die aktuellen und folgenden Geburtenzahlen in Graubünden aus. Zu erwarten bleibt in dieser Perspektive, dass das einheimische Geburtenwachstum darum lediglich ein vorübergehender, demografischer Effekt ist.

Geburtenhäufigkeit in der Schweiz nach Alter der Eltern

 

Nachhaltiges oder funktionales Bevölkerungswachstum

Stellt man diese Erkenntnisse in Verhältnis zu den langfristigen Bevölkerungsprognosen für Graubünden stellt die Migration weiterhin die Hauptkomponente des Bevölkerungswachstums auch in den kommenden Jahren. Einerseits verhilft dies dem Kanton kurzfristig die demografischen Wellen zu glätten und die Erwerbsbevölkerung zu erweitern, anderseits ist und bleibt diese Art des Wachstums wohl sehr volatil.

Migration findet letztendlich nur statt, wenn das Gefälle von Lohn, Sicherheitsaspekten, Wohlstand und Lebensqualität zwischen der Heimat und Graubünden gross genug ist um genügend Menschen zum Umzug zu bewegen. Die leichtesten Veränderungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Heimatland und in der Schweiz wirken sich bereits entscheidend auf diese Komponente der Bevölkerungsbewegung aus.

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