Späne aus der Denkwerkstatt

Graubünden kämpft um seine Europagäste

Auch zehn Jahre nach dem Frankenschock gilt Graubünden bei ausländischen Gästen als teuer. Die touristische Nachfrage aus Europa ist zusammengebrochen. Was können Leistungsträger strategisch tun?

Von Wirtschaftsforum Graubünden Mo, 19.08.2019

Brissago: Kaffee 4.50 Franken. Zehn Kilometer weiter in Cannobio: Caffè 1.20 Euro. Die Schweiz ist für europäische Gäste nach wie vor teuer. Mit der aktuellen Erstarkung des Schweizerfrankens ist das Thema aktueller denn je. Das Preisniveau der Schweiz schnellte ab 2010 in die Höhe, als die Erosion des CHF/EUR-Wechselkurses seinen Lauf nahm. Bald zehn Jahre danach sind die Folgen noch nicht ausgestanden. Der Tourismus in Graubünden musste in dieser Zeit einen Umsatzeinbruch von 20 bis 30 Prozent hinnehmen. Und trotz allen Anstrengungen ist es bis dato nicht gelungen, die verlorenen Europa-Gäste vollständig zu kompensieren.

Quelle: Bundesamt für Statistik, Preisniveauindizes im europäischen Vergleich.

 

Um die wichtigen deutschen Gäste steht die Schweiz im Wettbewerb mit Österreich. Im Wintersportbereich bietet unser Nachbar ein vergleichbares Produkt wie die Schweiz, jedoch zu einem tieferen Preis.

Bei den geringen Differenzierungsmöglichkeiten liegt der Schluss nahe: Wir müssen mit den Preisen runter. Und genau hier wird es anspruchsvoll. Die Margen sind ohnehin schon dünn, so dass es ohne substanzielle Kostensenkungen nicht geht. Bei Löhnen und Warenkosten sind den Leistungsträgern weitgehend die Hände gebunden. Ein Ansatzpunkt liegt in der Optimierung des operativen Betriebs.

Meistens reicht das alleine aber nicht. Es bleiben noch die Infrastrukturkosten, bei denen mit neuen, schlauen Konzepten einiges herausgeholt werden kann. Infrastrukturkosten haben aber einen Haken: Sie reagieren träge. Vor Jahren getätigte Investitionen müssen zuerst amortisiert werden und ein Kostenoptimierungspotenzial kann häufig erst zum Zeitpunkt von Ersatzinvestitionen erschlossen werden.

Dies bedeutet beispielsweise, dass es sich für einen Hotelier erst bei einer anstehenden Erneuerung seines Wellnessbereiches lohnt, über ein neues Konzept nachzudenken, das tiefere Kosten ohne spürbaren Leistungsabbau mit sich bringt. Zu diesem Zeitpunkt machen auch Überlegungen zu Kooperationen mit gleichgesinnten Unternehmen Sinn: Gemeinsam Infrastrukturprojekte zu realisieren bedeutet Synergien zu nutzen, Kosten zu sparen und dem Gast dennoch mehr zu bieten.

Neue Geschäftsmodelle mit tieferen Lohnkosten, die Entwicklung von Resorts, welche alles aus einer Hand anbieten, Low-Cost-Hotels und Feriendörfer sind mögliche Wege, dem Preisdilemma zu begegnen. Bei all diesen Ideen wird jedoch schnell klar: Kosten – und damit die Preise – zu senken, ist nicht immer machbar.

Zum Glück ist es auch nicht der einzige Weg: Ein anderer ist, zusätzliche Gäste zu finden, die bereit sind, für Schweizer Qualität den entsprechenden Preis zu bezahlen. Auch das ist anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Mehr dazu in einem der nächsten Beiträge des Wirtschaftsforums Graubünden.

Dieser Text basiert auf dem Projekt «Strategie für Bündner Tourismusorte» des Wirtschaftsforums Graubünden.