Die Bündner Wirtschaft steht vor einem herausfordernden Jahr, die Aussichten sind aber mehrheitlich vorsichtig positiv.

Flexibilität und Reaktionsvermögen ist gefragt

Was erwartet die Bündner Wirtschaft im kommenden Jahr und mit welchen Herausforderungen wird sie konfrontiert sein? Das haben wir Wirtschaftsführer aus dem Kanton gefragt.

Von René Mehrmann Do, 30.12.2021

Roland Jäggi, Geschäftsführer Gebr. Kuoni Transport AG und Präsident ASTAG Sektion Graubünden

Roland Jäggi, Geschäftsführer der Gebr. Kuoni Transport AG, Domat/Ems und Präsident ASTAG, Sektion Graubünden. (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Die Auftragslage in unserer Branche wiederspiegelt sich in der aktuellen Wirtschaftslage. Und diese ist aktuell wie auch die Prognosen für das Jahr 2022 doch zufriedenstellend bis gut. Unsere Branche ist für unsere Wirtschaft, nicht nur in der Zeit der Pandemie, systemrelevant und ich denke auch für das 2022 sind die Aussichten für einen guten Auslastungsgrad gut. Ausschlaggebend für unseren Auslastungsgrad ist natürlich auch u.a. eine gut funktionierende Lieferbereitschaft der Rohstoff- und Zulieferanten im gesamten Marktumfeld. Nach wie vor geht es aber der Personentransportbranche, Car- Bus- und Taxibetriebe, jedoch infolge der Massnahmen welche zur Bewältigung der Pandemie auferlegt sind, sehr schlecht und das wird sich auch im 2022 nicht spürbar ändern. Diese Betriebe sind besonders auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen, damit wir keine grösseren Betriebsschliessungen in Kauf nehmen müssen.

Eine der grossen Herausforderungen wird für uns die Sicherstellung der Ressourcen im Bereich Lager und Umschlag und Chauffeure sein.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Wie bereits erwähnt, sind wir auch von der Lieferbereitschaft der Rohstoff-und Zulieferanten im gesamten Marktumfeld abhängig. Diese Nachschub- und Lieferkette muss funktionieren, damit die Wirtschaft und eben auch unsere Brache nicht still steht. Eine der grossen Herausforderung wird jedoch für uns die Sicherstellung der Ressourcen im Bereich Lager und Umschlag und den Chauffeuren sein. Sollte sich die Pandemie noch verstärkt ausbreiten und die Zunahme an Coviderkrankten und sich in Quarantäne befindende Mitarbeitenden weiter erhöhen, ist die Bereitstellung der nötigen Ressourcen in Frage gestellt und die gewohnte Versorgung unserer Wirtschaft und Verbraucher nicht automatisch sichergestellt. Trotz diesen grossen «Unbekannten» sehen wir positiv auf das 2022 und werden uns wie bis anhin den Herausforderungen stellen und dafür besorgt sein, dass unsere Wirtschaft und die damit verbundene Versorgung auf eine gut funktionierende Transportbranche zählen kann.

Viktor Scharegg, Geschäftsführer G. Brunner Haustechnik AG und Präsident des Bündner Gewerbeverbands

Viktor Scharegg, Geschäftsführer G. Brunner Haustechnik AG, Domat/Ems und Präsident des Bündner Gewerverbands. (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Nach einer SNB-Studie kann im Bausektor mit einem Zuwachs von sechs Prozent gerechnet werden. Auch die Realität zeigt, dass ein grosses Bauvolumen für das Jahr 2022 in unserem Kanton ansteht. Bereits jetzt sind unsere Auftragsbücher gut gefüllt. Speziell für unsere Branche in der Gebäudetechnik sehe ich noch ein zusätzliches grosses Potential im Ersatz der Wärmeerzeugungsanlagen (Ölheizung zu Wärmepumpe).

Der Fachkräftemangel und die Rekrutierung von Lernenden sind eine fast unlösbare Aufgabe in allen Branchen.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Die grössten Herausforderungen sind meines Erachtens die Ungewissheit bezüglich Pandemiverlauf. Aber auch der Fachkräftemangel und die Rekrutierung von Lernenden ist eine fast unlösbare Aufgabe in allen Branchen. Was sicherlich einen Einfluss auf die Betriebe und ihre Arbeiten hat, ist die Lieferproblematik einzelner Materialien und die stetig steigende Teuerung auf die Materialien.

Daniel Fust, CEO der Graubündner Kantonalbank

Daniel Fust, CEO der Graubündner Kantonalbank. (Bild Archiv SO)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Als Bank haben wir eine Querschnittsfunktion und sind mit verschiedenen Branchen und allen Regionen im Kanton verbunden. Grundsätzlich bewältigen die Bündner KMU die aktuellen Unsicherheiten mit viel Weitsicht. Trotzdem ist eine gewisse Zurückhaltung bei neuen Finanzierungen spürbar. Beim verarbeitenden Gewerbe belasten die Engpässe bei den weltweiten Lieferketten und die hohen Energiepreise teilweise das Geschäft. Die Tourismusbranche ist geprägt von der latenten Unsicherheit um Reisebeschränkungen. Die Erwartungen in unserem Wirtschaftsraum sind mehrheitlich positiv. Weil Unternehmen grösstenteils über die notwendige Resilienz verfügen und somit die aktuellen Risiken unterstützt von staatlichen Hilfsmassnahmen tragen können.

Die Bündner Unternehmen verfügen über die notwenige Resilienz und können die aktuellen Risiken unterstützt von staatlichen Hilfsmassnahmen tragen.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Das Negativzinsumfeld ist und bleibt eine Herausforderung. Es bringt zwar günstige Refinanzierungsmöglichkeiten für Kreditkunden, hat aber auch ökonomische Risiken. Denn durch die tiefen Zinsen verliert das Geld an Wert. Nicht an Kaufkraft, aber an Gegenwert, weil Schulden praktisch nichts mehr kosten. Das kann die Bildung von Blasen fördern, wenn zum Beispiel Immobilienpreise auf ungesunde Höhen steigen. Als Bank wollen wir im kommenden Jahr vor allem die nachhaltige Entwicklung unseres Kantons mitprägen. Denn mit Geld mehr Geld verdienen reicht nicht mehr. Wir sind mehr als eine Bank, und dies nicht zuletzt weil wir auch über Bankdienstleistungen gesellschaftlich relevante Themen adressieren und Lösungen aufzeigen. Ein Beispiel sind Vorsorgelücken, die oft dann entstehen, wenn jemand – oft sind es Frauen – lange nur zu kleinen Pensen arbeiten oder dem Arbeitsmarkt ganz fern bleiben. Hierzu haben wir das Projekt «Frauen und Vorsorge» lanciert, das wir im 2022 noch ausbauen werden. Aber auch die Digitalisierung treiben wir voran. Wir entwickeln unsere digitale Dachmarke Gioia weiter, investieren in neue digitale Dienstleistungen und das ohne die Qualität der Beratung von Mensch zu Mensch zu vernachlässigen.

 

Romano Seglias, Präsident Handelskammer und Arbeitgeberverband Graubünden

Romano Seglias, Präsident Handelskammer und Arbeitgeberverband Graubünden. (Bild Archiv SO)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Ein bestimmender Faktor wird weiterhin der Verlauf der Covid-19-Pandemie sein. Wir gehen aktuell davon aus, dass sich die Lage im Frühling wiederum entspannen dürfte und danach die Einschränkungen – eine hohe Impfrate und eine tiefere Dynamik bei den Virusmutationen vorausgesetzt – aufgelöst werden dürften. Die nachfolgenden Themenfelder dürften die Wirtschaft aber noch weit über die Pandemie hinaus beschäftigen:

  • Störungen im weltweiten Warenverkehr und sich daraus ergebende Lieferengpässe.
  • Weitere Erstarkung des Schweizer Frankens und ausgeprägte EUR-Schwäche (nachhaltige Parität CHF/EUR).
  • Anstiegstendenzen der Inflation.
Wir gehen aktuell davon aus, dass sich die Lage im Frühling wiederum entspannen dürfte.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Als Verband dürften wir uns auf politischer Ebene in Graubünden insbesondere mit folgenden Themenfeldern beschäftigen:

  • Umsetzung Green Deal Graubünden im Sinne einer nachhaltigen Stärkung der Positionierung des Kantons z.B. in Bereichen wie Energiegewinnung, GreenTech, Tourismus.
  • Lösungsfindung zur Verhinderung einer Versorgungslücke im Strombereich.

Ernst «Aschi» Wyrsch, Präsident HotellerieSuisse Graubünden

Ernst «Aschi» Wyrsch, Präsident HotellerieSuisse Graubünden. (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Extrem Volatil, es kann eine ausgezeichnete Wintersaison geben, aber auch ein Wintersaisonabbruch ist leider möglich. Ab dem Sommer bin ich wieder zuversichtlich, weil die Omikronvariante den Schrecken verliert mit der Durchseuchung oder dem höheren Impfstatus.

Wir haben mit unseren hohen Ansteckungszahlen und der tiefen Impfquote eine schlechte Reputation erschaffen.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Auf der gesellschaftlichen Ebene wird es eine noch härtere Spaltung geben, weil das Verständnis und die Toleranz gegenüber den Ungeimpften sich in Wut und Aggression ändern wird. Darin sehe ich eine grosse Gefahr. Was passiert, wenn Millionen von geimpftem protestieren werden? Eine weitere Herausforderung wird sein, die Schweiz als sicheres Reiseland zurückzuerobern. Wir haben mit unseren hohen Ansteckungszahlen und der tiefen Impfquote eine schlechte Reputation erschaffen. Dies wird eine Zeit brauchen bis wir wieder da sind wo wir waren. Weiter werden uns die fehlenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch lange beschäftigen. Wie können wir die vielen tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückholen, die in der Pandemie in andere Branchen abgewandert sind. 

Renato Fasciati, Direktor der Rhätischen Bahn (RhB)

Renato Fasciati, Direktor der Rhätischen Bahn (RhB). (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Der öffentliche Verkehr und im Speziellen der touristische Verkehr ist stark betroffen von der Coronapandemie. Die Nachfrage bewegt sich nach wie vor deutlich unter derjenigen des Rekordjahres 2019. Nichtsdestotrotz hofft die RhB, dass sich die Situation im 2022 weiter verbessern wird. Die Menschen wollen reisen, und sobald sich die Pandemiesituation entschärft, schlägt sich das in einer höheren Nachfrage nieder. Es gilt, flexibel zu bleiben und neue Angebote zu kreieren, damit wir bereit sind, wenn sich die Situation wieder normalisiert. Aktuell geht die Branche davon aus, dass die Nachfrage im Jahr 2025 wieder auf dem Stand von vor der Pandemie ist.

Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage im Jahr 2025 wieder auf dem Stand von vor der Pandemie ist.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Die finanzielle Situation der RhB bleibt sehr angespannt und erfordert weiterhin hohe Aufmerksamkeit, Kostenbewusstsein und Priorisierung. Trotzdem kann die RhB die Modernisierung mit Investitionen in Infrastruktur und Rollmaterial fortsetzen. Dabei kann die RhB auf die spürbare Unterstützung des Kantons und des Bundes zählen, wofür wir sehr dankbar sind. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung der RhB sind zuversichtlich, dass sich der langfristige Wachstumstrend im öV, gerade im Personenverkehr, in den nächsten Jahren fortsetzen wird. Dies ist die Basis für die geplanten Angebotsausbauten.

Maurizio Pirola, Verwaltungsratspräsident D. Martinelli AG und Präsident Graubündnerischer Baumeisterverband

Maurizio Pirola, Verwaltungsratspräsident D. Martinelli AG und Präsident Graubündnerischer Baumeisterverband. (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Das Bauhauptgewerbe sieht dem neuen Jahr mit Zuversicht entgegen und erwartet eine gute Baunachfrage. Die Budgets der öffentlichen Nachfrage im Infrastrukturbereich präsentieren sich auf hohem Niveau stabil und seitens der privaten Nachfrage im Hochbau erwarten wir eine ähnlich gute Auslastung wie im 2021.

Die Gewinnung von Berufsnachwuchs, qualifizierten Fachkräften und Baukadern bleibt eine ständige Herausforderung.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Zum einen läuft der geltende Gesamtarbeitsvertrag Ende 2022 aus. Die Bündner Baumeister stehen zur Sozialpartnerschaft. Ein neuer Vertrag muss den Unternehmen allerdings die Flexibilität gewähren, welche sie zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen benötigen. Dazu braucht es die Kompromissbereitschaft der Sozialpartner und die Akzeptanz der gegenseitigen Positionen. Zum andern bleibt die Gewinnung von Berufsnachwuchs, qualifizierten Fachkräften und Baukadern eine ständige Herausforderung.

Andreas Conzelmann, CEO Trumpf Schweiz AG

Andreas Conzelmann, CEO Trumpf Schweiz AG. (Bild zVg)

Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihren Betrieb und Ihre Branche für das kommende Jahr?
Ich blicke positiv ins kommende Jahr. Obwohl wir weiterhin mit Schwierigkeiten innerhalb der Lieferkette konfrontiert sind, haben wir volle Auftragsbücher und werden im kommenden Jahr signifikant im Umsatz wachsen und auch neue Arbeitsplätze in Graubünden schaffen.

Ich erlebe derzeit eine sehr hohe Motivation und ein enormes Engagement meines Teams.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie 2022 konfrontiert?
Ich rechne mit anhaltenden Schwierigkeiten innerhalb der Lieferkette, welche sich meiner Einschätzung nach erst im Laufe des Jahres 2022 auflösen werden. Ausserdem werden wir weiterhin mit der schwankenden Situation bezüglich der Covid-19 Pandemie konfrontiert sein. Für beide Herausforderungen sind wir jedoch gut gerüstet und ich erlebe derzeit eine sehr hohe Motivation und ein enormes Engagement meines Teams.