Auch wegen der Coronapandemie steigen die Gästezahlen in Graubünden im Sommer.

Die Sommersaison im Hoch

Der Sommer 2020 war für den Bündner Tourismus eine erfolgreiche Saison. Zwar brach coronabedingt die Zahl der ausländischen Gäste um rund die Hälfte gegenüber dem Vorjahr ein, dafür stieg die Zahl der Schweizer Gäste um 45 Prozent. In der Endabrechnung verzeichnete Graubünden im dritten Quartal 2020 ein Plus von neun Prozent. Doch wie nachhaltig ist dieser Trend? GRimpuls war auf Spurensuche.

Von René Mehrmann Fr, 07.05.2021

Dass der Bündner Tourismus hauptsächlich von den Gästen im Winter lebt, ist eine altbekannte Tatsache. Und dass der Bündner Tourismus schon seit Jahren Anstrengungen unternimmt, die Sommersaison zu stärken, auch. In den letzten Jahren trugen diese Anstrengungen Früchte, gerade in den Sommermonaten gewannen die aussereuropäischen Gäste an Bedeutung. Doch die Pandemie stoppte diesen Trend, die Tourismusindustrie befürchtete das Schlimmste.

Dass es nicht so gekommen ist, verdankte der Tourismus den Schweizer Gästen. «Vor einem Jahr konnten wir nicht mit einem guten Sommer rechnen», sagt Gérard Carigiet, Leiter des «Pradas Resort» in Brigels und Präsident der Sektion Surselva von HotellerieSuisse Graubünden. Als aber kurz nach Ostern die ersten Lockerungen vom Bundesrat angekündigt worden seien, sei der Run auf Buchungen immens gewesen. «Telefon und E-Mail liefen heiss und es wurde extrem früh für den Sommer gebucht», so Carigiet weiter. Tendenziell würden die Gäste ihre Sommerferien eher später, so ab Mai/Juni buchen.

Gérard Carigiet, Leiter des «Pradas Resort» in Brigels Martin Vincenz, CEO Graubünden Ferien

Gérard Carigiet, Leiter des «Pradas Resort» in Brigels (links), und Graubünden-Ferien-CEO Martin Vincenz verzeichnen wegen der Coronapandemie steigende Gästezahlen in der Sommersaison. (Bilder Pradas Resort und Marco Hartmann/Graubünden Ferien)

 

Es gibt auch Verlierer

Doch nicht alle Destinationen in Graubünden konnten von diesem Boom an Sommergästen profitieren. «Einbussen mussten Destinationen mit üblicherweise vielen ausländischen Gästen oder mit Gästen aus dem Bereich des Kongress- und Geschäftstourismus hinnehmen», sagt Vincenz. Dazu gehören grosse Orte wie St. Moritz, Davos, aber auch Chur.

Bei den grossen Destinationen fiel nicht nur der Rückgang der ausländischen Gäste ins Gewicht. Es gab auch eine Verschiebung in den einzelnen Sternekategorien. Auffallend ist der Rückgang bei den höherklassigen, in der Regel stärker von ausländischen Gästen nachgefragten Sternekategorien. Die Fünf-Stern-Betriebe büssten in der Summe von Juli bis September fast ein Viertel der Frequenzen im Vergleich zum Vorjahr ein. Die Drei- und Vier-Stern-Betriebe wiesen im gleichen Zeitraum ein Wachstum von 9,1 respektive 11,8 Prozent aus. Und am stärksten legten die tief- und nicht klassierten Betriebe mit einem Plus von 15,1 Prozent zu.

Ähnliche Erwartungen wie 2020

Ähnlich wie im letzten Jahr dürfte auch die kommende Sommersaison ausfallen. Zwar hat der Bundesrat erste Öffnungsschritte erlassen und weitere sind angekündigt, doch noch immer gelten gewissen Einschränkungen, wie etwa die geschlossenen Innenräume von Restaurants.

Trotzdem blicken die Bündner Touristiker optimistisch in die Zukunft. Aktuell sehe Graubünden Ferien die Chancen intakt, «dass sich die hohe Inlandsnachfrage auch im Sommer und Herbst 2021 wiederholen wird», sagt Vincenz. Eine verlässliche Voraussage sei allerdings mit der sich rasch verändernden allgemeinen Lage und mit den Beschränkungen im internationalen Reiseverkehr schwierig. Hinzu komme, dass das Buchungsverhalten der Gäste aktuell extrem kurzfristig sei. «Das heisst, dass Gäste oftmals die weitere Entwicklung abwarten und sehr spontan buchen.»

Das «Pradas Resort» in Brigels bietet seinen Gästen erholsame Tage in einer intakten Natur. (Bild Pradas Resort)

 

Nicht ganz so kurzfristig buchen hingegen die Gäste im «Pradas Resort». Wir sind für den Sommer bereits wieder sehr gut gebucht», sagt Carigiet. Allerdings sei ihnen immer bewusst, wie fragil die Lage sei. Schon in der vergangenen Sommer- und Wintersaison sei der Spielraum zwischen einer sehr guten Saison und einem Totalschaden sehr eng gewesen. «Es war ein schmaler Grat», bestätigt Carigiet.

Wie nachhaltig aber der Trend ist, dass sich Sommer- und Wintersaison zahlenmässig angleichen, ist schwierig zu beurteilen. Die Sommersaison lege seit Jahren stark zu und der Sommer 2020 habe bezüglich Auslastung sogar mit dem Winter gleichgezogen, sagt Carigiet. «Wir führen mittlerweise Wartelisten für Wochen, die wir nicht typisch zur Hochsaison zählen. Und wir wissen, dass wir nicht nur mit dem «Pradas Resort», sondern mit ganz Graubünden ein perfektes Produkt haben, aber ich bin mir durchaus bewusst, dass wir im letzten und in diesem Jahr pandemiebedingt die Konkurrenz ausgeschlossen haben.»

Es komme wieder die Zeit, in der man reisen könne und dann würden die Menschen wieder Neues entdecken wollen. Allerdings könne das «Pradas Resort» auf sehr treue Stammgäste zählen, die regelmässig für eine Woche oder länger zu Besuch seien. «Dies, wie auch die tollen Feedbacks von Gästen, welche die Schweiz währen der Pandemie für Ferien wiederentdeckt haben, stimmen uns zuversichtlich», so Carigiet weiter.

Outdoor-Erlebnisse stehen im Vordergrund

Auch bei Graubünden Ferien ist man sich bewusst, dass mit der Rückkehr der Reisefreiheit die Übernachtungszahlen im Sommer wieder etwas sinken könnten. So werden Marktanstrengungen, mit denen man schon seit einigen Jahren internationale Gäste nach Graubünden lockt, auch nach der Pandemie weitergeführt. Gerade in den Fernmärkten bewerbe man in erster Linie die Erlebnisse im Sommer, erklärt Vincenz.

«Grundsätzlich stehen Outdoor-Erlebnisse wie Wandern, Biken, Spazieren, Golfen und Bergtouren und das Geniessen der weiten und intakten Natur im Vordergrund», so Vincenz weiter. Zusätzlich werde das Touring-Segment immer wichtiger, weshalb man den Alpine Circle ins Leben gerufen habe, der Ende Mai dieses Jahres offiziell eröffnet wird. «Unser Ziel damit ist: Graubünden wird zum Fixpunkt eines jeden Touring-Gasts in den Alpen. Dazu haben wir zusammen mit zahlreichen Partnern den Alpine Circle im Rahmen des Projekts der Neuen Regionalpolitik (NRP) aufgebaut.»

Immer wichtiger werde dabei der destinationsübergreifende Ansatz, der insbesondere bei Aufbauprogrammen verfolgt werde. «Neue Erlebnisse sollen destinationsübergreifend für den Gast buchbar gemacht und gemeinsam beworben werden. So seien etwa beim Alpine Circle 13 Destinationen sowie zwölf Vertriebspartner dabei. Und die Fernmärkteinitiative bewirbt Graubünden grundsätzlich zusammen mit den Hotelpartnern, sagt Vincenz.

Klar bleibt aber auch: Die Schweiz bleibt mit einem rekordhohen Anteil an Logiernächten von 75 Prozent der wichtigste Ländermarkt. Wichtigster Auslandsmarkt ist weiterhin Deutschland mit einem Anteil in «normalen» Jahren von 16 Prozent.

Der Landwasserviaduct: Ein Wahrzeichen Graubündens und eine Sehenswürdigkeit im neu lancierten Alpine Circle von Graubünden Ferien. (Bild Stefan Schlumpf/Graubünden Ferien)