So soll Graubünden ein schnelles Datennetz erhalten

Bedarfsgerechte Internet-Erschliessung einer Region am Beispiel Surselva

Als periphere Region im Berggebiet ist die Surselva mit zahlreichen Herausforderungen im Standortwettbewerb konfrontiert. Distanzen spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Surselva von Laax bis zum Oberalppass erstreckt sich über eine Länge von 60km, was mehr als der Distanz Zürich Luzern oder etwa der Distanz Freiburg Lausanne entspricht. Die Digitalisierung könnte bei der Überwindung dieser Distanzen massgeblich helfen.

Von Rudolf Büchi | Regionalentwickler Regiun Surselva Di, 19.11.2019

Blendet man 100 Jahre zurück, so hatte die Surselva kaum die Möglichkeit gehabt, sich am wirtschaftlichen Austausch und an der Wertschöpfung über die Grenzen der jeweiligen Siedlung hinaus zu beteiligen. Erst effiziente Verkehrswege (Strassen, Brücken und Tunnels) und die Eisenbahn, als Pionierleistung, haben Distanzen überwindbar gemacht. Die Distanzen sind dadurch nicht verschwunden, sie sind aber überwindbar geworden und die zeitliche Dimension der Distanz konnte erheblich reduziert werden.

Überträgt man das Bild der Distanzen auf die heutige Situation und insbesondere auf die Digitalisierung, so bieten die Potenziale der Digitalisierung die Chance, dass geographische Distanzen komplett verschwinden. Wenn Arbeitsplätze dank der Digitalisierung nicht mehr standortgebunden sind, sondern nur von einer entsprechenden Basisinfrastruktur abhängen, dann verschwinden viele der heute bestehenden Standortnachteile.

Durch die Digitalisierung, bei der der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Zentrum stehen muss, entstehen gerade für periphere Regionen wie die Surselva neue Perspektiven. Voraussetzung dafür ist, dass Infrastrukturen beziehungsweise der Zugang zu Breitbandprodukten zu vergleichbaren Preisen und mit einer vergleichbaren Performance wie in Agglomerationen möglich ist. Dies ist heute nicht überall gegeben.

Es besteht die ernst zu nehmende Gefahr, dass zur geographischen Distanz, die man nicht restlos auflösen kann, eine neue digitale Distanz entsteht, wenn Dörfer oder ganze Täler von der Breitbanderschliessung ausgeschlossen sind und sich somit ihre Standortattraktivität weiter verschlechtert. Das vom Kanton Graubünden geförderte Projekt zur Ultrahochbreitband (UHB)-Erschliessung in den Regionen hat genau dies zum Ziel: Für die Wirtschaft und für die Gewerbetreibenden in den Tälern darf keine digitale Distanz entstehen. Es dürfen sich keine zwei Klassen bilden: die der Erschlossenen und die der Nichterschlossenen!

Besser erschlossen als andere Gebiete

Die Situation bezüglich Erschliessungsqualität präsentiert sich vielerorts in der Surselva erfreulich. Trotz der grossen Distanzen, welche eine Erschliessung teuer machen und trotz der peripheren Lage vieler Siedlungen (Dörfer und Fraktionen) ist an den allermeisten Orten heute eine Versorgung sichergestellt, die den Grundversorgungsauftrag deutlich übersteigt. Die Surselva ist als Ganzes wesentlich besser erschlossen als andere periphere Berggebiete.

Internetabdeckung Surselva

 

Eine zentrale Rolle kommt dabei den grossen Wasserkraftwerken und Stromversorgern mit ihren Infrastrukturen und der RhB mit ihrem eigenen Backbone zu. Dank der topografischen Besonderheiten, dass sich das ganze Tal primär als eine Achse präsentiert mit einigen wenigen, dafür langen Seitentälern, ist die Versorgung grosser Teile der Surselva mit einem leistungsfähigen und redundanten Backbone gewährleistet. In der Feinverteilung profitiert die Surselva von einem funktionierenden, nicht ruinösen Wettbewerb zwischen Kabelnetzbetreibern und Telekomanbietern.

Grosse Teile des Tals sind sowohl mit einem flächendeckenden Telekommunikationsnetz der Swisscom, als auch mit privaten Kabelnetzen versorgt. Frühzeitig wurde ein regionales TV-Kabelnetz aufgebaut, welches einen Grossteil der Haushaltungen und Gewerbebetriebe in der Surselva ergänzend erreicht. So gesehen ist die Situation grundsätzlich besser als in anderen peripheren Regionen, in denen keine Wettbewerbssituation besteht. Basis-Internetdienstleistungen sind für Gewerbetreibende zu fairen Preisen erhältlich, auch wenn sie teurer sind als entsprechende Dienstleistungen in Agglomerationen mit FTTH-Erschliessungen.

Punktuell ungenügende Erschliessungslücken schliessen

Die Surselva ist also mehrheitlich gut erschlossen. Trotz der guten Ausgangslage gibt es jedoch Lücken. Die gute Backbone-Situation und die existierenden regionalen Glasfasernetze nützen der Wirtschaft nichts, wenn die Performance nicht bis ins Haus kommt.

Die regionale Analyse hat gezeigt, dass bei der Erschliessung konkreter Objekte auf teilweise relativ kurzen Abschnitten Versorgungslücken bestehen. Diese Lücken beabsichtigt das regionale Ultrahochbreitband-Projekt (UHB) für die Surselva zu schliessen, denn Lücken stellen für die wirtschaftliche Entwicklung ein Hindernis und eine Gefahr dar.

Erschliessung mit UHB-Anschlüssen in der Surselva

 

Durch das gezielte Schliessen dieser Erschliessungslücken rüstet sich die Surselva für die Zukunft. Teilweise handelt sich um einzelne Tourismus- oder Gewerbebetriebe, punktuell sind es aber ganze Dörfer oder Siedlungen, welche eine ungenügende Erschliessung aufweisen.

Was heisst aber ungenügende Erschliessung? Im aktuellen Projekt zur Erstellung der konzeptionellen Grundlagen für die Verbesserung der Erschliessung steht das Gewerbe mit seinen Bedürfnissen im Vordergrund. Es geht somit nicht darum, das Streaming von Online-Inhalten im Privathaushalt zu ermöglichen, sondern vielmehr darum, der Wirtschaft in der Surselva die Chance zu bieten sich der Digitalisierung zu stellen und von deren Chancen zu profitieren.

Unternehmen brauchen hohe Leistungen 

Digitalisierung ist ein Riesenbegriff und umfasst sehr unterschiedliche Dinge. Angefangen bei den physischen Infrastrukturen, den darauf aufbauenden Technologien bis hin zu den daraus resultierenden Services.

Das Spektrum der für die Surselva relevanten Themen ist sehr breit. Dies kann telemedizinische Angebote beziehungsweise Services im Gesundheitswesen umfassen, neue Formen der Logistik und Distribution, der dezentralen Arbeit (Softwareentwickler, Ingenieure, Grafiker etc.) und der Produktion (additive Fertigung, 3D-Druck), dezentrale Intelligenz in Machine-to-Machine-Anwendungen (M2M) oder Echtzeitsteuerungen in M2M-Anwendungen.

Die Digitalisierung als disruptive Entwicklung ist ein «Game Changer». Firmen der Surselva, welche sich an diesem neuen «Game» beteiligen wollen, brauchen nicht eine Breitbanderschliessung wie Privatnutzer, bei welchen vor allem die Downloadkapazität entscheidend ist, sondern sie brauchen symmetrisch (Up- und Download) eine hohe Leistung und tiefe Latenzzeiten und dies zu Preisen vergleichbar mit gut erschlossenen Agglomerationen.

Für das Erschliessungskonzept der Surselva wurde eine Minimalanforderung von 100 Mbits/s symmetrisch (Up- und Download) definiert. Dies ist ein Wert, der praktisch mit verschiedenen Technologien und von verschiedenen Providern angeboten werden kann. Es geht somit nicht um den Neubau eines Glasfasernetzes, den subventionierten Aufbau eines neuen regionalen Telekommunikationsanbieters oder das Forcieren einer bestimmten Technologie, sondern um einen regionalen Ansatz, der sich auf bestehende Ressourcen und Infrastrukturen in der Region stützt.

Dabei müssen auch Investitionen, die mit unternehmerischem Risiko in der Vergangenheit getätigt wurden, geschützt sein und dürfen nicht durch Subventionen in parallele Infrastrukturen bedroht oder unrentabel werden. Die bestehenden regionalen Infrastruktureigentümer und die regionalen Anbieter von Services, sind wichtige Partner für das Vorhaben.

Gleich lange Spiesse für alle

Anhand dieser Ausführungen ist die Grundprämisse gut erkennbar: Das UHB-Projekt wirkt ausschliesslich subsidiär dort, wo ein nachgewiesener Bedarf der Wirtschaft an UHB-Versorgung gegeben ist und wo gleichzeitig aufgrund der geographischen Lage, der Siedlungsstruktur etc. keine Versorgung nach betriebswirtschaftlichen Massstäben möglich ist. Sei es, weil zu wenige potenzielle Kunden in einem Ort vorhanden sind oder die Distanzen die Erschliessung unwirtschaftlich machen.

Hier setzt nun das UHB Projekt an und unterstützt solche Anschlüsse, die für die Wirtschaft wichtig sind. Es sollen alle Exponenten der Wirtschaft, ob an einem zentralen Standort oder in einer peripheren Lage die gleich langen Spiesse für die Digitalisierung erhalten. Eine zweite wichtige Komponente des UHB-Vorhabens ist die Vermeidung von Doppelspurigkeiten. Wo bereits Infrastrukturen vorhanden sind, sollen diese im Rahmen des Projekts zugänglich gemacht werden. Müssen neue Infrastrukturen erstellt werden, dann wird sichergestellt, dass der diskriminierungsfreie Zugang zu diesen Infrastrukturen sichergestellt ist.

Anders als im städtischen Bereich, funktioniert der Ausbau der UHB-Infrastrukturen im peripheren Raum, nur durch eine Kooperation der Akteure auf der physischen Infrastrukturebene und der Vermeidung von Doppelspurigkeiten. Der Wettbewerb soll und muss sogar umso mehr auf der Ebene der angebotenen Services spielen.

Aus der Longlist wird die Shortlist

Wie eingangs bereits umfassend ausgeführt, hat die Surselva eine bereits sehr gute Basisinfrastruktur und vielerorts eine sehr gute lokale Erschliessung. Im Rahmen des UHB-Projekts wurde eine Longlist von mehreren hundert Bedarfsobjekten in der Surselva erstellt. Das heisst potenzielle Objekte von Unternehmen, Tourismusbetrieben, Gewerbearealen aber auch Schulen und Bildungsangeboten, welche potenziell auf eine UHB-Erschliessung angewiesen sind. 

Diese Bedarfsobjekte werden ungefiltert und ohne Priorisierung als Bedarfslayer in einem regionalen GIS abgebildet. Gleichzeitig wird mit den bestehenden Anbietern in der Surselva die maximal verfügbare Upload- und Downloadkapazität ermittelt und bei jedem Objekt im GIS hinterlegt. Dieser Bedarfslayer wird durch die bestehenden Infrastrukturen der Region in einem eigenen Layer überlagert. Dieser Infrastrukturlayer beinhaltet bestehende Telekommunikationsnetze, Infrastrukturen der Elektrizitätsversorgungsunternehmungen (EVU), der Wasserversorgungen und von Dritten inklusive bestehender Rohrblöcke und Leerrohre, die potenziell für das Projekt relevant sein könnten.

In einem zweiten Schritt wird der effektive Bedarf bei den Objekten der Longlist präzisiert und mit den der bestehenden Versorgung abgeglichen. Mittels eines simplen Filterkriteriums wird nun der Erschliessungsbedarf für die Bedarfsobjekte eingeschränkt.

Objekte bei denen der Bedarf durch die bestehende Erschliessung nicht abgedeckt werden kann und die aktuelle Erschliessung keine symmetrische Versorgung mit 100 Mbs erlaubt, verbleiben nach diesem Zwischenschritt auf einer Shortlist. Objekte, bei denen die Erschliessung heute bereits eine Versorgung mit symmetrisch 100 Mbps erlaubt beziehungsweise bei denen der aktuelle und prognostizierte Bedarf tiefer als die effektive Versorgung ist, bleiben zwar für künftige Ausbauschritte im GIS dokumentiert, werden aber im laufenden Projekt nicht weiter behandelt.

Bei den Objekten der Shortlist stellt die Ermittlung der technischen Erschliessungsvarianten (technologieneutral) auf Basis der im GIS dokumentierten Infrastrukturen und Werkleitungen, die Priorisierung der Erschliessung und das zugänglich machen bestehender Infrastrukturen den nächsten grossen Arbeitsschritt dar. Die Analyse der aktuellen Erschliessungssituation auf der Ebene Backbone, die regionale Erschliessung und die lokale Erschliessung bis zum Hausanschluss werden im regionalen Erschliessungskonzept dokumentiert.

Weiter beinhaltet das regionale Erschliessungskonzept die definitive Priorisierung der Bedarfsobjekte (Shortlist) und die technischen Abklärungen zu den verschiedenen Erschliessungsvarianten. Das regionale Erschliessungskonzept bildet die Grundlage für die baulichen Massnahmen, welche aus dem Erschliessungskonzept abgeleitet werden. Bei der baulichen Umsetzung beteiligt sich der Kanton Graubünden finanziell bis maximal 50 Prozent der Erschliessungskosten, um so eine bedarfsgerechte Erschliessung, subsidiär zu den bestehenden Anbietern und Infrastrukturen zu ermöglichen.

Der Lead bei der Konzeption vor allem dann auch bei der Realisierung bleibt zu jedem Zeitpunkt bei den Gemeinden beziehungsweise der Region Surselva. Die Gemeinden haben bei der Longlist mitgewirkt, die Gemeinden entscheiden über die definitive Priorisierung und die Gemeinden entscheiden schlussendlich über die Realisierung.

Neue Perspektiven für das Berggebiet

Durch die Digitalisierung besteht die einzigartige Chance, dass geographische Distanzen aufgelöst und irrelevant werden. Durch den Ausbau der Ultrahochbreitband-Infrastruktur in der Surselva und im Kanton Graubünden wird ein wichtiger Beitrag geleistet, dass keine neue digitale Distanz entsteht. Durch die Digitalisierung entstehen neue wirtschaftliche Perspektiven für das periphere Berggebiet.