Späne aus der Denkwerkstatt

Bauer in Teilzeit

Hof, Hund, Bauer und Bäuerin, ein paar Kinder, einige Kühe, Schafe und Gänse, ein Gemüsegarten – der Bilderbuchbauernhof entsteht ganz von selbst vor dem geistigen Auge. Bäuerliche Familien prägen noch heute die Landwirtschaft im Berggebiet und bedienen dieses klischeehafte Bild. Während sich die Arbeitswelten in allen Branchen rasend schnell verändern, sind neue Arbeitsmodelle in der Landwirtschaft im Berggebiet noch kaum ein Thema. Es ist an der Zeit, offen zu sein für neue Modelle.

Von Wirtschaftsforum Graubünden Do, 07.11.2019

Die topografischen und klimatischen Bedingungen setzen der Nahrungsmittelproduktion im Berggebiet klare Grenzen. Je dünner die Luft, desto grösser ist daher die Bedeutung der staatlichen Unterstützung. Sie ist gleichsam ein Beitrag zur Pflege der Kulturlandschaft, zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur dezentralen Besiedelung des Landes. Die landwirtschaftlichen Aktivitäten sind damit auch eine wichtige Grundlage für den Tourismus im Berggebiet, der von malerischen Landschaften lebt. 

Neue Formen der Landwirtschaft

Bei der Landwirtschaft im Berggebiet hat die Pflege der Kulturlandschaft also einen hohen Stellenwert, während die Produktion von Nahrungsmitteln von sekundärer Bedeutung ist. Es stellt sich daher die Frage, ob nebst der traditionellen Bauernfamilie nicht auch andere Anbieter einen Teil der Aufgaben abdecken können. Abgestimmt auf die örtliche Ausgangslage kann die Pflege der alpinen Kulturlandschaft in Zukunft z.B. durch eine Bergbahnunternehmung erfolgen. Oder die Landwirtschaft wird von einem Hotel betrieben, das seinen grossen und kleinen Gästen die Möglichkeit bietet, in der Landwirtschaft mitzuwirken, Tiere zu betreuen und Nahrungsmittel aus eigener Produktion zu geniessen. Die Pflege der Landschaft kann auch durch Einwohner erfolgen, die in wissensintensiven kreativen Berufen tätig sind und die im Sinne eines Ausgleichs als Landwirte wirken – Bauern in Teilzeit sozusagen. 

Grosser Nutzen fürs Berggebiet

Natürlich ist die Umsetzung dieser Idee mit diversen Hürden bei Raumplanung, bäuerlichem Bodenrecht und Direktzahlungen verbunden. Eine Liberalisierung würde aber einen enormen Nutzen fürs Berggebiet mit sich bringen: Neue, sinnstiftende Arbeits- und Lebensformen wären möglich, was die Wohnattraktivität im Berggebiet erhöhen würde. Der Tourismus könnte vollkommen neue agrotouristische Produkte lancieren. Ökologische Ziele könnten ins Zentrum rücken. Und nicht zuletzt würden auch traditionelle Bauernfamilien profitieren, für welche neue Formen der Nachfolgeregelung möglich würden.